Samstag, 18. Februar 2012

Was sind "glückliche Schweine"?

Es ist der Gipfel der Perversion, was sich der Wurstverkäufer und PR-Mann in eigener Sache, Dennis Buchmann, da ausgedacht hat: Er will der Wurst "ein Gesicht geben". Ähnlich einer Partnerbörse sollen Konsumenten per Internet ein Schwein kennenlernen und aussuchen. Anschließend können sie gleich das Produkt auswählen, zu dem "ihr" Schwein verwurstet werden soll. Per Webcam soll der Käufer seinem todgeweihten "Schützling" vorher beim aufwachsen zusehen. Das Ziel: Dem Konsumenten das schlechte Gewissen nehmen.

Will Schweinefleisch zum Wohlfühlprodukt machen: Der "Pig Brother-mäßige" Biologe Buchmann
 "Ganze zehn Monate, und damit weit länger als seine Artgenossen im konventionellen Mastbetrieb, durfte Schwein 2 nach Lust und Laune fressen, grunzen, sich im Dreck wälzen. Möglich wurde soviel tierisches Glück, weil Dennis Buchmann eine Idee hatte", berichtet Spiegel.de euphorisch. Buchmanns Idee lautet: "meine kleine Farm", ein "Projekt", mit dem er per Internet Fleisch von "glücklichen Schweinen" (Spiegel.de) verkauft und vertreibt. Konsumenten sollen die todgeweihten Tiere vorher per Webcam "kennenlernen" - damit soll ein "bewussterer Fleischkonsum erzielt werden". In Buchmanns "Schweineshop" kann man sich ein Schwein online "auswählen". Auf der Webseite kann man sich Fotos des Schweins anschauen, um im Anschluss dann gleich die "Produkte " auszuwählen, zu denen das "glückliche Schwein" verarbeitet werden soll - Schlackwurst oder Mett etwa.

Per "Schweine-Pig-Cam", einer installierten Kamera, soll der Konsument dem Schwein "Pig Brother-mäßig" beim aufwachsen zugucken, soll sogar einen "Schweineführerschein" machen und etwas über die Schweine lernen.
Der Biobauer Bernd Schulz, der mit Buchmann zusammenarbeitet, schickt die Schweine dann auf ihre "letzte Reise". In einem Hänger verbringen die "glücklichen Tiere" dann die letzte Nacht vor der Schlachtung, wo sie sich noch einmal richtig ausscheißen sollen - "ausnüchtern" im Schweinebauernjargon. Am nächsten Tag werden die Schweine zum Schlachter gefahren.

Mit dieser Methode will Buchmann den Konsumenten das schlechte Gewissen nehmen, ihnen eine "positive Motivation" geben. Auf das fertige Produkt wird dann zum Schluss ein Foto des Schweins gedruckt, damit sich der Konsument sein auserwähltes Opfer vor dem Verzehr noch einmal ansehen kann.

Nun muss man fairerweise sagen, dass der Ansatz "Bewusstsein" zu schaffen völlig richtig ist, und dass eine solche Haltung in jedem Fall der grausamen Massentierhaltung vorzuziehen ist. Es ist ja gerade die Absicht der verlogenen modernen Fleischindustrie, den Konsumenten am besten gar nicht mehr daran zu erinnern, dass das anonyme Stück Fleisch auf seinem Teller einmal ein lebendes, fühlendes Wesen war.
Nur, wie kann ein Mensch, der auch nur ein bisschen empathiefähig ist, zu einem Lebewesen - das die gleichen Grundemotionen wie ein Mensch hat - erst eine Beziehung aufbauen, nur um es anschließend zu essen? Die Konsequenz sollte doch die sein, das Schwein am Leben zu lassen - gerade weil man erfahren hat, dass dieses Tier Emotionen besitzt und ganz bestimmt nicht "glücklich" ist, wenn es vor seinem Schlachter steht.

Buchmann möchte den Fleischessern das "schlechte Gewissen" nehmen. Wir leben allerdings in einer Gesellschaft, in der wir uns völlig problemlos ausgewogen ernähren können, ohne dass Tiere dafür leiden und sterben müssten. Mit diesem Bewusstsein kann es keinen Verzehr von Tieren ohne ein schlechtes Gewissen geben.

Auf der Internetseite des Wurstverkäufers Buchmann ist übrigens folgender Spruch zu lesen: "Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu Fleisch mit Gesicht von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma für sich, die Tiere und den Rest der Welt."
Tiere töten als hipper Zeitvertreib für gelangweilte Großstädter - und obendrein gut fürs Karma? Damit entlarvt sich Buchmann gänzlich als Zyniker. Kritisch mit diesem "unideologischen" Lifestyle 2.0-Ansatz ("Schlachten per Mausklick") setzt sich in ihrem Blog auch die Autorin Kathrin Hartmann auseinander: "Ich stelle hier mal die kühne Behauptung auf, dass Schweine auf gutes Karma scheißen, sofern es bedeutet, dass sie dafür abgestochen und zu Wurst vermatscht werden, ja, selbst wenn die dann als "Meat on a Mission" verkauft wird": 
http://www.ende-der-maerchenstunde.de/index.php?/archives/154-Fleisch-essen-fuers-Karma-eine-Gute-Schlacht-Geschichte.html

Sonntag, 12. Februar 2012

Ernährung und Erziehung: Schulklassen sollten Schlachthöfe besuchen.

Die Überzeugung, eine gesunde Ernährung sei nur mit Fleisch möglich, ist in den meisten Fällen anerzogen. "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht" lautet ein bekanntes Sprichwort. Umgekehrt gilt natürlich das gleiche: "Was der Bauer (oder wer auch immer) kennt, frisst er". Und so ist es nur verständlich, dass ein Mensch, dem der tägliche Fleischkonsum von Anfang an vorgelebt wurde, dies für selbstverständlich und richtig hält und übernimmt. So wird es Menschen, die aus Familien kommen, in denen viel Fleisch gegessen wird umso schwerer fallen, mit dieser Ernährungsgewohnheit zu brechen. Umso wichtiger ist es, Kinder schon früh für dieses Thema zu sensibilisieren. Kinder sind sensibler als Erwachsene und haben noch ein natürliches und unverfälschtes Gerechtigkeitsempfinden. Gerade deshalb sollten Kinder wissen, wo das Fleisch auf ihrem Teller herkommt - und wie es entstanden ist. Die Konsequenz: Alle Schulklassen sollten mindestens einmal einen konventionellen Schlachthof besuchen. Das Argument, man könne Kindern so etwas nicht zumuten, ist pure Heuchelei. Wer tote Tiere ist, der soll auch wissen, wie diese Tiere getötet wurden - egal wie alt er ist. Es ist wichtig, die grausame Wahrheit über unsere Fleischindustrie zu kennen, um zu entscheiden, ob wir da mitmachen wollen oder nicht. Auch Kinder sind in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und Verantwortung für ihre Umwelt zu tragen.

Der SPIEGEL berichtete im Januar über ein Kinderhilfswerk in Berlin, das junge Menschen zu gesunder Ernährung erziehen will. Zu Gast war der bekannte Koch und Veganer Björn Moschinski, der den Kindern zeigte, dass auch vegane Gerichte lecker sein können. Der Bericht verdeutlicht wieder einmal, dass Bildung eine entscheidende Rolle für die Art der Ernährung spielt - je geringer die Bildung, desto geringer auch die Wahrscheinlichkeit einer bewussten und damit vegetarischen Ernährung:

Der SPIEGEL, 16.01.2012:
 Im Lande Tofu
Von Gutsch, Jochen-Martin
Ortstermin: Das Kinderhilfswerk will junge Menschen in einem Berliner Problembezirk zu gesunder Ernährung erziehen.
 
Während Björn Moschinski eine Kiste Kürbisse hineinträgt, erklärt Theresa Reppenhagen die Sache mit der Bärchenwurst.
"Warum sieht die Wurst so aus, was denkt ihr?", fragt Reppenhagen und hält ein Bärchenwurstfoto hoch.
Vor ihr sitzen 18 Kinder an Tischen und schauen auf die Wurst in Bärchenform. "Kinder sollen das niedlich finden", sagt Frau Reppenhagen mit leicht brüchiger Stimme. "Sie sollen nicht daran denken, dass die Wurst aus einem Tier gemacht wurde, das leben wollte."
Zwei, drei Kinder kichern. Vielleicht aus Verlegenheit. Vielleicht, weil sie erst acht Jahre alt sind. Man hat ihnen erzählt, dass heute ein berühmter Koch vorbeikommt, hier in Berlin-Hellersdorf-Nord, um mit ihnen zu kochen. "Veganer Projekttag" heißt das Ganze, organisiert vom Deutschen Kinderhilfswerk und der Albert Schweitzer Stiftung. Aber Theresa Reppenhagen, eine runde Frau, von Beruf Tierschutzlehrerin, hat noch eine Frage.
"Alle Tiere wollen in Freiheit leben. Wir aber essen gern ihre Eier. Was machen wir da also?"
Ein Junge meldet sich. "Gar nichts", sagt er. "Einen Aufstand!", rät ein Mädchen. "Tofu essen?", fragt ein Junge.
Das ist das Zauberwort. "Ein toller Vorschlag", sagt Reppenhagen. "Ich habe früher auch Fleisch gegessen. Dann habe ich aber schreckliche Filme gesehen. Darüber, wie Tiere leiden. Ich habe geweint, wirklich geweint. Wenn nun kein Mensch mehr Fleisch essen würde und niemand mehr Tiere einsperrt, wäre das nicht toll?"
Die Kinder schauen Frau Reppenhagen an, als wollten sie sie trösten. "Deshalb ist heute der berühmte Koch Björn hier", sagt Reppenhagen. "Er wird euch zeigen, wie man tierfreundlich kocht."
Der Koch heißt mit vollem Namen Björn Moschinski, 32, betreibt ein veganes Gourmet-Restaurant in Berlin-Mitte, schreibt vegane Kochbücher, spricht manchmal im Fernsehen über veganes Kochen und lebt "aus Überzeugung" vegan, seit er 15 Jahre alt war. Vegan heißt: kein Verzehr tierischer Produkte. Also auch keine Eier, keine Milch, kein Honig. Moschinski steht dabei in der noch jungen Tradition des Kochs als Pädagoge. Jamie Oliver sorgt in britischen Schulen für gesundes Essen. Christian Rach rettet auf RTL Restaurants vor der Pleite. Björn Moschinski will den Veganismus nach Hellersdorf-Nord bringen. Das ist sicherlich die schwierigste Aufgabe.
"Wisst ihr denn überhaupt, was das ist, vegan?", fragt Björn Moschinski.
Ein Junge meldet sich.
"Ein Land!", sagt er.
Im Prinzip ist das gar nicht falsch. Vegan ist ein fernes, fremdes Land, von Hellersdorf-Nord aus betrachtet. So wie das Land Zamonien in den Büchern von Walter Moers. Die Kinder sitzen hier im "Haus Babylon", einem Sozialprojekt, untergekommen in einem dreigeschossigen DDR-Bau, von dem die Leiterin sagt, er sei "sanierungsbedürftig". In den nächsten zwei Stunden fällt dann auch fünfmal der Strom aus. Katja Franckowiak, die Klassenlehrerin, sagt, dass von den Kindern niemand Vegetarier oder Veganer sei. Dafür seien von den Eltern rund 70 Prozent Hartz-IV-Empfänger.
Tiere sind in Hellersdorf-Nord nicht die einzigen Lebewesen mit Problemen, heißt das wohl. Warum ist die Klasse überhaupt hier? "Ich wollte ja nur einen Raum für den Kinderfasching buchen", sagt Franckowiak. Dann habe man sie gefragt, ob die Klasse an einem "Veganen Projekttag" teilnehmen könnte. "Von einem Tierschutzvortrag war nie die Rede", sagt Franckowiak und rollt die Augen.
Zum Glück wird gekocht. "Hokkaidokürbiscremesuppe, Mangolassi und Spaghetti bolognese mit Soja", sagt Björn Moschinski, der mit Dreadlocks, Kopftuch, Koteletten aussieht wie ein RTL-Fernsehkoch, und der den Ernährungszeitgeist von Berlin-Mitte nach Hellersdorf-Nord trägt.
Der Zeitgeist heißt: Bewusstsein. Früher aß man in Deutschland eher unbewusst und unpolitisch. Essen war keine Gewissensentscheidung. Wichtig war, dass genug da war. Heute soll Essen gesund sein oder biologisch oder vegetarisch oder vegan. Je nachdem. Sag mir, wo du stehst.
"Essen heißt eine Entscheidung treffen", meint Moschinski. Die Frage ist nur: Wann fängt man damit an? Die Kinder gehen in die dritte Klasse. Sie halten "Vegan" für ein Land.
"Man kann sogar noch früher anfangen", sagt Moschinski und wischt die Hände an seiner Kochschürze trocken, auf der "Vegan Head Chef" steht. "Meine Nichten sind auch Veganer." Wie alt sind die? "Fünf und sieben", sagt Moschinski. Dann erzählt er von seinem Restaurant in Mitte, den Weinen, der Innenarchitektur, dem Lichtkonzept. Währenddessen fällt im Haus Babylon der Strom aus.
Als die Soja-Bolognese und die Hokkaidokürbiscremesuppe fertig sind, essen die Kinder. Niemand beschwert sich. "Vegane Küche kann lecker sein", sagt Moschinski in die Runde. Es klingt wie eine Losung. Ein veganischer Merksatz für Hellersdorf-Nord.
Dann tippt ein Mann, Mitarbeiter im Haus Babylon, Moschinski auf die Schulter. "Woll'n Se vielleicht Kaffee?"
"Gern", sagt Moschinski.
"Mit Milch?", fragt der Mann.

Quelle: DER SPIEGEL 3/2012
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83588356.html

Samstag, 4. Februar 2012

Studie: Fleischesser feinden Vegetarier an

Eine Erfahrung, die wohl jeder Vegetarier schon häufig machen musste, wird nun offiziell in einer Studie belegt: Fleischesser fühlen sich von Vegetariern moralisch angegriffen und feinden diese deshalb an - selbst dann, wenn die Vegetarier ihre Ernährungsweise überhaupt nicht thematisieren.  

Fleischesser sind Meister der Verdrängung, und anstatt sich mit den eigenen Widersprüchen zu befassen (der Klassiker: liebt sein Haustier, hat aber kein Problem mit dem täglichen anonymen Schnitzel), ist es eben einfacher Vegetarier anzufeinden oder sich über sie lustig zu machen. Dieses Verhalten zeigt, dass Fleischesser offenbar - bewusst oder unbewusst - doch nicht so ganz von der Richtigkeit ihres Lebensstils überzeugt sein können. Andererseits würden sie wohl souveräner gegenüber Vegetariern reagieren.


Psychologie und Ernährung: Warum Fleischesser Vegetarier anfeinden

Süddeutsche Zeitung, vom 03.02.2012

Von Sebastian Herrmann
 
"Kommt zu Tisch, das Essen wird welk": Viele Menschen reagieren auf Vegetarier wie auf Angehörige eines exotischen Volksstammes, die erst bestaunt und dann lächerlich gemacht werden. Psychologen haben eine ganze Reihe Erklärungen für Vegetarierwitze und andere Abwehrreaktionen der Fleischesser. 

Wie nennt man einen dicken Vegetarier? Biotonne. Und was sagt ein Vegetarier, der seine Familie zu Tisch ruft? "Kinder, das Essen wird welk." Im Internet sprießen Vegetarierwitze wie diese. Und in den immer gleichen Diskussionen, in denen Menschen, die kein Fleisch essen, ihre Entscheidung rechtfertigen müssen, fällt in aller Regel ein Spruch wie dieser: "Ich mag Vegetarier nicht, die essen meinem Steak das Essen weg." Warum aber reagieren viele Menschen auf Vegetarier wie auf Angehörige eines bislang isoliert lebenden Volksstammes, die erst bestaunt und dann lächerlich gemacht werden?
Julia Minson von der Universität Pennsylvania und Benoît Monin von der Universität Stanford bieten eine Erklärung an (Social Psychological and Personality Science, Bd. 3, S. 200, 2012). Fleischesser hätten oft das Gefühl, dass Vegetarier sie moralisch verurteilten und fühlten sich zu schlechten Menschen degradiert. Und Attacken auf ihr positives Selbstbild wehren Menschen ab, indem sie Angreifer lächerlich machen.

Ihren Exotenstatus haben Vegetarier eigentlich längst eingebüßt. In Deutschland verzichten heute bis zu sechs Millionen Menschen auf Fleisch und befolgen eine der unterschiedlich strengen Formen des Vegetarismus. Die Mehrzahl habe sich aus ethischen Gründen zu diesem Schritt entschieden, schreiben die Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann und Markus Keller in ihrem Buch "Vegetarische Ernährung". Sie lehnen die Tötung von Tieren ab oder wollen vermeiden, dass die Umwelt etwa durch Klimagase aus der Viehzucht belastet wird. 

Diese Haltung qualifiziere Vegetarier zum Status einer Minderheit, deren moralischer Anspruch über den der gesellschaftlichen Mehrheit hinausweise, argumentieren Minson und Monin. Deshalb müssen Vegetarier nicht einmal penetrant mit ihrer Entscheidung hausieren gehen, um bei Fleischessern Abwehrreaktionen auszulösen. Schon ein stummer Vegetarier stellt einen impliziten moralische Vorwurf dar, auf den Menschen hochsensibel reagieren.

Das zeigte sich in zwei Studien von Minson und Monin. Sie baten ihre Probanden - alles Menschen, die Fleisch essen - sämtliche Begriffe zu notieren, die ihnen zu Vegetariern in den Sinn kamen. Knapp die Hälfte der Teilnehmer nannte vor allem negative Begriffe wie "arrogant", "nervig" oder "selbstgerecht". Anschließend baten die Psychologen sie um ihre Einschätzung, wie Vegetarier Fleischesser moralisch bewerten. Wer zuvor negative Begriffe genannt hatte, fühlte sich auch eher durch Vegetarier abgewertet, weil er Fleisch aß. In ihrem zweiten Versuch drehten die Psychologen den Spieß um. Nun ging es zuerst um das Bild, das Vegetarier von Fleischessern haben könnten und fragten dann nach Assoziationen. Damit stellten sie den Angriff auf das moralische Selbst quasi in den Raum - und nun ergab sich ein noch dunkleres Bild als zuvor.

Konflikte durch das Fleisch-Paradoxon

Auch Psychologen um Brock Bastian erkundeten kürzlich, weshalb sich Fleischesser implizit angegriffen fühlen könnten (Personality and Social Psychology Bulletin, online). Die Forscher von der Universität Queensland analysierten die innere Rechtfertigung, durch die Menschen mit dem sogenannten Fleisch-Paradoxon zurechtkommen: Warum genießen Menschen Fleisch und empfinden gleichzeitig Zuneigung zu Tieren? Grundsätzlich werden Tier und Steak in der Vorstellung getrennt.
Bastian zeigte nun, dass es vielen Menschen als gerechtfertigt erscheint, Tiere zu essen, wenn deren geistige Fähigkeiten als sehr gering gelten. Nun sind zum Beispiel Schweine bekanntermaßen sehr schlaue Tiere. Doch das können Fleischesser laut Bastian verdrängen und sich weiter als gute Menschen fühlen, wenn sie ein Schnitzel auf dem Teller haben - außer ein Vegetarier isst neben ihnen seinen panierten Sellerie.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-und-ernaehrung-warum-fleischesser-vegetarier-anfeinden-1.1274443

 

Donnerstag, 26. Januar 2012

Tiere sind auch nur Menschen

Ein wegweisendes Essay von Iris Radisch aus der Zeit vom 12.08.2010, das den Argumenten unverbesserlicher Fleischesser mit überzeugenden Argumenten den Wind aus den Segeln nimmt.

Wer darf wen töten und warum? Es gibt keine ethische Begründung für die Schlachthäuser. Ein Plädoyer für den Vegetarismus

Wer darf wen töten und warum? Es gibt keine ethische Begründung für die Schlachthäuser. Ein Plädoyer für den Vegetarismus
Die alles entscheidende Frage, dürfen wir Tiere töten, um ihre Leichen zu essen, haben wir seit Ewigkeiten beantwortet. Vielleicht nicht mit dem Kopf, aber doch mit den Zähnen. Der Tieresser steht auf der Siegerseite der Evolution. Er ist der König der Nahrungskette.

Ausgiebiger Fleischgenuss signalisierte lange Zeit Wohlstand, und Wohlstand signalisierte soziale Integration. Je bedeutender der Mensch, desto größer die Fleischportion auf seinem Teller. Vegetarismus hingegen war eine Lebensweise mit dem zweifelhaften Odium einer sektiererhaften Marotte. Sie berief sich zwar gelegentlich auf eine ferne antike Überlieferung (die Orphiker und die Pythagoräer waren Vegetarier), entstand aber im fleischessenden Abendland recht eigentlich erst in den unübersichtlichen Umtrieben der Lebensreformbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts, die ihrerseits eine politisch unzuverlässige, teils radikaldemokratische, teils völkische, in jedem Fall widerspenstige und anarchische Reaktion auf die Zwänge der beginnenden Industrialisierung war.

Der Vegetarier war ein Sonderling, ein Außenseiter der Gesellschaft. An ihm haftete der Makel, sich einem zentralen Übereinkommen des vernünftigen Zusammenlebens zu widersetzen. Wer nicht wie alle anderen Fleisch aß, war womöglich auch sonst zu nichts Ordentlichem zu gebrauchen. Zahlreich waren die Anekdoten, die das berufliche Missgeschick dieses oder jenes Großonkels auf die in meiner Familie seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen, zurückführten.

Das alles scheint lange her zu sein und ist doch erst seit Kurzem vorbei. Heute ist der Vegetarismus in jedem Sinn in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vegetarische Speisegaststätten gibt es überall in den Innenstadtvierteln, in Berlin hat soeben die erste vegetarische Mensa eröffnet. Es gibt viele Intellektuelle und Künstler, die sich für den Vegetarismus einsetzen. Und es gibt einen Vegetarismus-Chic in den besseren Kreisen. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat gerade ein sehr erfolgreiches und viel diskutiertes Buch veröffentlicht, das uns in schönster Offenheit dazu auffordert, am besten keine und am zweitbesten weniger Tiere zu essen. Alles schön und gut. Bleibt nur noch die Frage, ob wir Tiere überhaupt töten dürfen.

Normalerweise werben die Vegetarier für ihre Lebensart, indem sie den Fleischessern die gesundheitlichen Nachteile ihrer Ernährungsweise mahnend vor Augen halten. Dazu zählen die vielen Herz- und Krebsleiden, die Übertragung von Viren und Giftstoffen, die Gefahr, an Osteoporose, Gicht, Rheuma, Bluthochdruck, Adipositas und so weiter zu erkranken. Das alles ist bedenkenswert. Für die Frage nach unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen, sind diese luxuriösen Diskussionen um die möglichen Zuwachsraten unseres ohnehin bereits beträchtlichen leiblichen Wohlergehens aber unerheblich.

Das gilt auch für den noch viel gewichtigeren Trumpf in der Hand der Vegetarier: die ungeheuere Belastung der Erde durch die Treibhausgasemissionen, die durch die Massentierhaltung entstehen. Gerade veröffentlichte das unabhängige Washingtoner Worldwatch Institute seine jüngsten Messungen, nach denen die Massentierhaltung nicht nur wie bisher angenommen für 18 Prozent, sondern sogar für über 50 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Fleisch essen ist schlimmer als Auto fahren.

Von dem unverantwortlichen Wasserverbrauch, der unwirtschaftlichen Vernichtung von Anbaufläche, der Rodung der Wälder zur Vermehrung von Weideflächen noch gar nicht zu reden. Niemand bezweifelt diese für unsere Überlebensaussichten äußerst betrübliche Diagnose. Sie ist ein starkes Argument für eine drastische Senkung des Fleischkonsums. Doch erspart auch sie uns nicht die alles entscheidende Frage, die man auch unseren ökologisch korrekten Urahnen hätte stellen müssen: Wer darf wen töten und warum?

Die Entscheidung ist bereits gefallen. Der Mensch genießt das Recht auf leibliche Unversehrtheit. Das Recht des Tieres, das wir ihm einräumen, besteht demgegenüber darin, vor dem Zerstückelt- und Ausgenommenwerden durch einen Metallbolzen, der ihnen den Schädel spaltet, betäubt oder an einem Haken kopfüber aufgehängt durch ein elektrisches Wasserbad gezogen zu werden.
Das Ungleichgewicht der Rechte springt ins Auge, wird aber außer von einigen Tierethikern wie Peter Singer, Tom Regans, Helmut F. Kaplan, Ursula Wolf und den unermüdlich, teils auch radikal kämpfenden Tierrechtsorganisationen wie Peta kaum infrage gestellt. Es ist die Grundlage dessen, was wir als Normalität bezeichnen. Aber was, wenn wir uns einfach geirrt haben? Ist es möglich, dass, was seit Jahrtausenden als normal gilt, dennoch ein ungeheueres Unrecht ist?

Ja, es ist möglich. Die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, sind allesamt windig. Überdies sind sie widersprüchlicher Natur. Sie stehen sich gegenseitig im Weg, weil sie sich wahlweise auf den tierischen oder auf den göttlichen Ursprung des Menschen berufen. Einerseits, heißt es, tötet der Mensch Tiere, weil er – selbst ein Tier – nicht anders kann.
Das ist die sogenannte Naturthese: Tiere fressen eben Tiere. Andererseits behauptet man, gerade die evolutionäre Überlegenheit des Menschen erlaube ihm, das Tier zu töten und mit seinen Leichenteilen Handel zu treiben. Das wäre die Kulturthese: Der Mensch isst Tiere, weil er besser ist als sie. Beide Begründungen hinken und sollten uns nicht ruhig schlafen beziehungsweise essen lassen. Einzig wer meint, dass man Tiere schon allein deswegen töten darf, weil ihre sterblichen Überreste, gut gebraten und gewürzt, gut schmecken, kann sich unbesorgt zu Tisch setzen (und wird betrüblicherweise spätestens an dieser Stelle die Lektüre des Artikels abbrechen).

 Welche Entschuldigung haben wir den vier Rindern, 46 Schweinen, vier Schafen, 46 Truthähnen, zwölf Gänsen, 37 Enten und 945 Hühnern, die jeder Fleischesser durchschnittlich in seinem Leben verspeist, für ihren Tod also zu bieten? Betrachten wir zunächst die Naturthese. Fleisch essen gehöre angeblich zur menschlichen Natur. Doch was ist die Natur des Menschen? Vor allem ist sie ein Wort, das, wenn es im Sinn von Ursprünglichkeit oder Gottgegebenheit verwendet wird, jede Diskussion beendet (siehe Natur der Frau, Natur der Schwarzen und so weiter).

Die akademische Debatte darüber, ob der Steinzeitmensch eher ein Pflanzen- oder ein Fleischfresser war, verliert sich schnell im Nachmessen der Darmzotten und des Zungendurchmessers. Die eine Fraktion beruft sich auf die Reißzähne und die Magensäure des Menschen, um ihn den Karnivoren zuzuschlagen. Der anderen gilt als Beweis für sein natürliches Pflanzenfressertum, dass er anders als jedes karnivore Tier Fleisch im rohen Zustand nicht herunterbekommt.

Für die Frage, ob wir dürfen, was wir tun, nämlich morden, um zu essen, spielt dieser Streit um die Ernährungsgewohnheiten des Menschen in der Frühzeit keine Rolle. Denn selbst wenn der Urmensch die Tiere den Blättern vorgezogen hat oder vorziehen musste, ist dies kein Grund, ihm nachzueifern. Seit Jahrtausenden ist der Mensch damit beschäftigt, die rohen Sitten seiner Urahnen zu zähmen und zu kultivieren. Ein Vorgang, den man Zivilisation nennt und der uns immerhin schon so weit gebracht hat, Zeitung zu lesen, zum Mond zu fliegen und von der Unsitte des angeblich besonders schmackhaften Menschenfleischverzehrs abzulassen (es gibt Berichte von bekehrten Wilden, die auf dem Totenbett in Erinnerung an die Menschenfleischgenüsse ihrer Kindheit vor Sehnsucht geweint haben sollen). Warum sollten wir ausgerechnet an der Fleischtheke in der Steinzeit stehen bleiben?

Auch die Mär, dass der Mensch von Natur so eingerichtet sei, dass er sich nur mit Fleisch gesund erhalten kann – noch vor wenigen Jahren häufig in seriösen Publikationen nachzulesen –, ist, abgesehen von kleinen Problemen bei einer dauerhaft veganen Ernährung, reiner Unsinn. Die Ernährungswissenschaft hat inzwischen nichts mehr gegen eine völlig fleischfreie Kost einzuwenden.
Womit das Naturargument an sein verdientes Ende kommt: Tiere essen ist purer Luxus. Nichts als ein paar Sekunden Gaumenkitzel, der einen blutigen Preis hat. Doch selbst die Fleischeslust kann völlig verschwinden. Wer noch nie Fleisch gegessen hat, kennt sie nicht einmal. Sie ist offensichtlich kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern nur eine Gewohnheit unter anderen Gewohnheiten. Eine, die man in der modernen Welt mühelos in wenigen Generationen verlernen könnte.
Bleibt das Kulturargument. Es läuft, vereinfacht gesagt, darauf hinaus, dass der Mensch das Tier essen darf, weil er Verstand und das Tier keinen hat. Der Mensch kann Klavier spielen und Porsche fahren, das Schwein kann sich nur im Sand suhlen. Was also liegt da näher, als es zu essen?

Was für ein Hochmut! Ein paar minimale Unterschiede im genetischen Code sollen uns dazu berechtigen, unsere nahen Verwandten, die Kühe, Schweine, Pferde und Schafe, essen zu dürfen? Das Tier, sagt die im Christentum gepflegte Legende, könne nicht denken und habe keine Seele. Sein »Mangel an Vernunft«, so Kirchenvater Augustinus, bestimme es zum Schlachtvieh, die »gerechte Anordnung des Schöpfers« habe sein »Leben und Sterben unserem Nutzen angepasst«. Im Inneren der Tiere befinde sich, glaubte Descartes, nur eine »Maschine«, im Inneren der Menschen hingegen »eine vernünftige Seele«. Mit solchen und ähnlichen Phrasen geben wir uns bis heute zufrieden, wenn wir festlegen, welches Leben wertvoll und zur Erhaltung und welches wertlos und zur Vernichtung bestimmt ist.
Was die Herren offenbar nicht bedachten: Setzte man sie einsam auf einer Palme im Dschungel aus oder hieße sie, im Winter nach Afrika zu fliegen, wären sie samt ihrer vernünftigen Seele ziemlich ratlos. Denn Tiere, zumindest unsere Verwandten, die Säuge- und Wirbeltiere, sind nur anders schlau als wir. Es wäre »pervers«, so der Harvard-Forscher Steven Pinker, »den Säugetieren das Bewusstsein abzusprechen«. Auch Vögel und andere Wirbeltiere hält er für »beinahe bei Bewusstsein«, nur bei niederen Tieren wie Austern und Spinnen verlieren sich die Gewissheiten in den unerfindlichen Abgründen der Schöpfung.

Das Rätsel des tierischen Innenlebens werden wir, eingesperrt in die menschliche Sicht der Dinge, nie ganz lösen, auch wenn wir uns mit dressierten Affen ganz passabel in Zeichensprache unterhalten, mit Pferden flüstern und unserem Hund ohnehin jeden Wunsch von den Augen ablesen können. Tiere leben in einem anderen Universum, die Botschaften, die wir von dort erhalten, können wir nicht alle verstehen. Doch der Respekt vor der fremden Intelligenz muss heute die alte Überheblichkeit ablösen.
Was, wenn die Tiere uns für ebenso seelenlos halten wie wir sie, nur weil wir so anders sind? Und was, wenn die Evolution noch eine Ehrenrunde dreht und eine Spezies hervorbringt, die uns für zu dumm hält und deswegen einsperrt und auffrisst? »Eines Tages«, frohlockte der erste Tierrechtler und Philosoph Jeremy Bentham im Jahr 1789, »wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe sind, ein lebendiges Wesen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern.« Der Tag ist gekommen.

Heute weiß man, dass sich der Mensch entgegen den frommen Wünschen der christlichen Philosophen hinsichtlich der Erbinformation nur geringfügig von den anderen Säugetieren unterscheidet. Das Nervensystem, die Verarbeitung von Reizen, Emotionen wie Angst und Panik sowie das Empfinden von Schmerzen sind bei Mensch und Tier identisch. Das komplizierte Paarungsverhalten, das Zusammenleben in Gruppen und Familien, die Fähigkeit, vorzusorgen und zu planen, die vielfältigen wortlosen Verständigungssysteme der Tiere untereinander weisen sie als unsere nächsten Verwandten aus. Die Unterschiede, die zwischen uns und ihnen bestehen bleiben, sind nur gradueller, aber keineswegs prinzipieller Natur.

In vielem sind Tiere dem Menschen sogar weit überlegen. Der Seh-, Hör- und Tastsinn ist bei den meisten Säugetieren höher entwickelt als bei uns. Vom genialen tierischen Navigationssystem, von den Feinheiten der Brutpflege, der beneidenswerten animalischen Work-Life-Balance, der Schönheit und Eleganz der Bewegung, dem bewundernswert genügsamen Lebensstil der Tiere gar nicht erst zu reden. Kurzum: Es gibt überhaupt keinen Grund, den Menschen Leidensfähigkeit und Lebensrecht zuzusprechen und es den Tieren abzuerkennen.

 Auch die sogenannte Kulturthese, nach der wir töten dürfen, weil wir so besonders klug sind, gehört also auf den Friedhof für ausgediente Ideologien. Rechtfertigen sollten sich nicht mehr diejenigen, die keine Tiere essen, sondern diejenigen, die es dennoch tun. Denn abgesehen von den kognitiven Fähigkeiten sind Tiere genauso Menschen wie Menschen umgekehrt Tiere sind. Doch während das Menschliche im Tier in seinen Angstschreien und seiner Todespanik in den Schlachthäusern nur allzu deutlich wird, hat der Mensch das Tier in sich auf seinem zivilisatorischen Siegeszug gezähmt oder ausgerottet. Furchtbares – so eine der zentralen Thesen der Frankfurter Schule – habe die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen, geschaffen war. Etwas von dieser Selbstverstümmelung, behauptete Max Horkheimer, werde in jeder Kindheit wiederholt. Und, genau besehen, auch bei jedem Mittagessen.

Die Verstümmelung und Herabwürdigung der Tiere zur toten Ware, und zwar ausgerechnet solcher Tiere, die uns am ähnlichsten sind (aus welchem anderen Grund sollten wir lieber Schafe und Schweine als Würmer und Käfer essen?), setzt die Gewalt gegen das Tier in uns selbst fort. »Es herrscht nicht nur Krieg zwischen uns und ihnen«, schreibt Jonathan Safran Foer in seinem neuen Buch, »sondern zwischen uns und uns.«
Wir haben das Tier in uns vergessen und vergessen das Tier, sobald es auf unserem Teller liegt. Das gehört zur Verhaltensweise der Kälte, der vielleicht zentralsten psychosozialen Technik fortgeschrittener Kulturen. Dennoch dürfte es wenige Fleischesser geben, die unbeeindruckt blieben, wenn sie sich der Unbequemlichkeit aussetzten, beispielsweise einen Film anzusehen, der ihnen zeigt, wie das Fleisch auf ihre Teller kommt (sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt). Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee erinnert in seiner bewegenden Erzählung Das Leben der Tiere an die »gewaltige gemeinschaftliche Anstrengung«, derer es bedarf, um »unsere Herzen vor den Schlachtstätten zu verschließen«.

Gleichwohl kultivieren wir inmitten dieser offensichtlichen Mitleidslosigkeit sonderbare Mitleidsnischen. Niemand möchte seinen eigenen Hund oder sein eigenes Pferd essen, obgleich Hunde und Pferde durchaus gegessen werden. Für unsere Katzen kaufen wir altersgerechtes Katzenfutter und lassen sie beim Tierarzt gegen Diabetes behandeln, während wir Kühe und Hühner, sauber in Cellophan verpackt, in der Tiefkühltruhe aufbewahren. Dabei ist die Artengrenze, die festlegt, welches Tier geliebt und welches gemordet wird, völlig willkürlich und abhängig von den Sitten und Moden.
Wenn wir die Tiere selbst töten müssten, die wir essen, würde der Fleischkonsum, der sich in den letzten 40 Jahren weltweit verdreifacht hat, vermutlich sprunghaft zurückgehen. Doch die Fleischindustrie, die uns das tote Tier, von Blut gesäubert und zur Unkenntlichkeit zerstückelt, ins Haus liefert, betäubt unsere Empathiefähigkeit. Es fällt uns schwer, uns in unsere Opfer hineinzuversetzen, sie uns als lebendige Individuen überhaupt noch vorzustellen. In diese Vorstellungslücke stoßen die Tiere als Haustiere, Filmhelden, Comic- oder Plüschfiguren.
Sie sind die einzigen Tiere, die viele Kinder neben den gebratenen Tierresten auf ihrem Teller noch kennenlernen. Doch sie sind nur Dekor, Erinnerungsstücke an die wirkliche Tierwelt, die selbst nicht mehr zu sehen ist. »Der Blick zwischen Tier und Mensch«, schreibt der Schriftsteller John Berger, »mit dem alle Menschen noch bis vor weniger als einem Jahrhundert gelebt haben, wurde ausgelöscht.«
Was folgt nun aus alldem? Für Jonathan Safran Foer folgt daraus, dass wir zumindest die industrielle Massenhaltung der Tiere unbedingt boykottieren sollten. Tiere müssen wieder artgerecht gehalten und sorgfältig, nicht am Fließband, geschlachtet werden. Und weil aber nahezu alle Tiere, die wir essen, aus Massentierhaltung stammen und in Todesfabriken geschlachtet werden, empfiehlt selbst der Wohlfühlvegetarier Foer, auf Fleisch ganz zu verzichten. Und nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Eier und Fisch, wenn uns das Leben der Legehennen und der sinnlose Tod unzähliger Meerestiere dauert, die für jedes Sushi-Essen als Beifang gestorben sind und wieder ins Meer geworfen werden.
Dem Mitleidsgebot – du darfst die dir verwandten Tiere überhaupt nicht töten, nur weil sie dir schmecken – weicht Foer aus. Er sei, schreibt er, »nicht allgemein dagegen, Tiere zu essen«. Das Glück der Tiere und die Qualität ihres Fleisches liegen ihm mehr am Herzen als ihr Recht auf Leben. Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: »ethisch unbedenkliches Fleisch«.

 So viel Versöhnlichkeit mag die Argumentation dieses eindrücklichen Buches schwächen, aber sie ist nicht unvernünftiger als die Wirklichkeit: 94 Prozent der Deutschen essen gern tote Tiere. Foer agiert wie ein Emissär mit weißer Fahne, der im unversöhnlichen Krieg zwischen der winzigen Minderheit der Tierrechtler und der überwältigenden Mehrheit der Tieresser Frieden stiften will, um das schwerfällige Rad der Geschichte gemeinsam ein wenig zugunsten der Tiere voranzudrehen. Das ist schon viel.
Am Ende wird der Verzicht auf Fleisch allen helfen, den Tieren und den Menschen. Er wird nicht alle Menschheitsprobleme lösen. Er löst noch nicht einmal alle moralischen Probleme, vor die uns unser Hunger stellt. Die Grenzen des Tötungsverbots sind niemals eindeutig zu bestimmen in der unendlichen Kette der Lebewesen. Warum verschone ich die Kuh und töte die Fliege? Ist das Seepferdchen weniger wert als das Pony? Und was ist mit dem Seelenleben der Pflanzen? Der grelle Scheinwerfer der Erkenntnis durchdringt die Materie, doch die meisten Geheimnisse des Lebens bleiben im Dunkeln. Es ist unmöglich, in unserem Zusammenleben mit den Tieren alles richtig zu machen. Doch gibt uns das noch lange nicht das Recht, alles falsch zu machen.

Quelle: www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Essay

Sonntag, 22. Januar 2012

Bauchspeicheldrüsenkrebs: Fleisch erhöht Risiko

Einen Zusammenhang zwischen dem Essen von verarbeitetem Fleisch wie Speck oder Wurst und Bauchspeicheldrüsenkrebs haben Wissenschaftler des Karolinska Institutet hergestellt. Eine zusätzliche Menge von 50 Gramm pro Tag, das entspricht in etwa einem Würsten, soll das Krebsrisiko um 19 Prozent erhöhen.

Geringe Wahrscheinlichkeit
Die Wahrscheinlichkeit überhaupt an dieser seltenen Krebsform zu erkranken, bleibt jedoch laut Cancer Research UK gering. Einer von 77 Männern und eine von 79 Frauen erkranken. Laut Sara Hiom vom World Cancer Research Fund sollten neben Fettsucht auch andere Risikofaktoren bei Bauchspeicheldrüsenkrebs berücksichtigt werden.
Rotes und verarbeitetes Fleisch wurde bereits mit Darmkrebs in Verbindung gebracht. Die britische Regierung empfiehlt daher seit 2011, dass nicht mehr als 70 Gramm pro Tag gegessen werden sollen. Die leitende Wissenschaftlerin Susanna Larsson betont, dass ein Zusammenhang mit anderen Krebsarten durchaus umstritten ist, berichtet die BBC.

50 Gramm pro Tag gefährlich
 "Es ist bekannt, dass das Essen von Fleisch das Risiko bei Darmkrebs erhöht", sagt Larsson. Für die aktuelle Studie wurden die Daten von elf wissenschaftlichen Untersuchungen und 6.643 Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs analysiert. Es zeigte sich, dass das Essen von verarbeitetem Fleisch das Krebsrisiko erhöht.
Pro konsumierten 50 Gramm am Tag erhöht sich das Risiko um 19 Prozent. Das bedeutet, dass zusätzliche 100 Gramm das Risiko bereits verdoppeln. Larsson unterstreicht, dass die Prognose bei dieser Krebsart schlecht ist. Genauso wichtig wie eine frühe Diagnose sei daher zu wissen, was das Risiko einer Erkrankung erhöhen kann.
Quelle: www.wissen-gesundheit.de



Donnerstag, 18. August 2011

Zahl der Tierversuche steigt!

(SZ vom 17.08.2011)


Bericht des Landwirtschaftsministeriums: 
Zahl der Tierversuche steigt

Der Ausbau des Forschungsstandorts Deutschland fordert Opfer: Jedes Jahr werden Millionen Tiere zu Versuchszwecken verwendet - und es werden immer mehr, trotz neuer Alternativ- und Ersatzmethoden.
Die Zahl der Tierversuche in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Das geht aus dem neuesten Tierschutzbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums hervor, den das Kabinett an diesem Mittwoch gebilligt hat.

Life-sized white laboratory rabbits are displayed at the entrance of the EU Parliament in Brussels Bild vergrößern  Immer mehr Tierversuche: Lebensgroße Nachbildungen von Laborhasen in einer früheren Kampagne gegen Tierversuche. (© REUTERS)
Während deutsche Labors im Jahr 2005 noch etwa 2,41 Millionen Tiere für Forschungszwecke verwendeten, waren es im Jahr 2009 bereits 2,79 Millionen Tiere. Diesen Zuwachs erklärt der Bericht unter anderem mit dem Ausbau des Forschungsstandorts Deutschland.
"Ganz ohne Tierversuche geht es nicht", sagte Agrarstaatssekretär Peter Bleser (CDU) der Rhein-Zeitung. Ohne die Erforschung und Anwendung von Alternativ- und Ersatzmethoden wäre die Zahl der Versuchstiere vermutlich deutlich stärker gestiegen, heißt es im Bericht.
Trotzdem hat Deutschland nach Blesers Einschätzung beim Tierschutz "europaweit Maßstäbe gesetzt". Verwiesen wird dabei unter anderem auf das Einfuhrverbot für Robbenprodukte und das Verbot der konventionellen Legebatterien. Weil für die Legehennen seit 2010 geräumigere Käfige vorgeschrieben sind, sank der Anteil der Käfighaltung binnen zwei Jahren von 62 auf 18 Prozent.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/bericht-des-landwirtschaftsministeriums-zahl-der-tierversuche-steigt-1.1132041