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Sonntag, 30. November 2014

Tollwood im Zeichen des Schweins

Das Tollwood Festival in München setzt weiterhin mit Kunst, Aktionen und Tierrechtsorganisationen ein Zeichen gegen Massentierhaltung. Das Motto zum diesjährigen Winterfestival lautet "Lebewesen". 

Skulptur "Armes Schwein" auf dem Tollwood (Foto: StopMeat)
Im Mittelpunkt des diesjährigen Tollwood Festivals steht eine riesige Holzskulptur von einem Schwein, das in einem winzigen Käfig gehalten wird, in dem es sich nicht bewegen kann. Gestaltet hat das Kunstwerk mit dem passenden Titel "Armes Schwein" der ungarische Künstler Gabor Miklos Szoke. Das Schwein steht stellvertretend für das Leid seiner Millionen Artgenossen, die tagtäglich für einen kurzen Gaumenkitzel durch die Hölle gehen. Im Schatten dieses im Stich gelassenen Lebewesens klären einige Tierrechtsorganisationen über den Umgang mit Tieren auf, und stellen ihr Engagement für den Schutz der Tiere vor.

"Animals Angels" beispielsweise setzen sich unter dem Motto "Wir sind bei den Tieren" gegen grausame Tiertransporte ein. Auch die Organisationen "Provieh", "respekTiere", "Soko Tierschutz" und die "Albert Scheitzer Stiftung" sind mit Infoständen vor Ort. Zudem war die Tierrechtlerin und Publizistan Hilal Sezgin zum Auftakt des Winterfestivals in einem Treppengespräch unter dem Motto "Artgerecht" im Weltsalon zu hören. "Mit entsetzen reagieren wir, wenn wir im Fernsehen Aufnahmen von siechenden Puten sehen oder Sauen, die sich nicht einmal zu ihren Ferkeln umdrehen können. Aber wir ziehen erstaunlich wenige Konsequenzen aus dem was wir wisen: das da ganz legal Millionen empfindungsfähige, neugierige sozial veranlagte Tiere ein erbärmliches Leben fristen und einen gewaltsamen Tod auf dem Schlachthof sterben", beschreibt Sezgin die fatale Schere in den Köpfen der meisten Menschen.

Teddybär im Fleischwolf (Foto: StopMeat)
Über die Doppelmoral in den Köpfen der Menschen nachzudenken, ermuntert auch der Hamburger Künstler und "Schlachtermeister" Miroslav Menschenkind. Auf dem Tollwood hat er einen eigenen Stand, in dem er Fleisch und Würste aus Kuscheltieren verkauft, die er dazu vorher durch den Fleischwolf quetscht. Hinter ihm hängen die Kuscheltierkadaver mit teils abgehackten Köpfen. "Jeder kennt Schachtereien und die darin dargebotenen Waren", so Menschenkind: "Dieses ist nichts anderes, nur dass die ehemals lebenden Tiere, durch mit Watte gefüllten Stoff - genannt Kuscheltiere - ersetzt werden."


Ihre Motivation ziehen die Tollwood-Organisatoren nicht zuletzt aus Umfragen, wonach die große Mehrheit der Deutschen gegen Massentierhaltung ist. Die regelmäßig auftretenden Lebensmittlskandale seien nur die Spitze des Eisbergs, heißt es im Programmheft zum Tollwood Winterfestival: "Kälbern werden die Hornanlagen ausgebrannt, Ferkel kastriert, Hühnern wird der Schnabel gekürzt - ohne Betäubung und unter großen Schmerzen. Damit sie das kurze, qualvolle Leben in den vollgepferchten, eintönigen Ställen bis zur Schlachtung 'überleben', werden in der Regel große Mengen an Antibiotika verabreicht. Der wahre Skandal also ist die Normalität in den Ställen der industriellen Intensivtierhaltung: das alltägliche Leid von Millionen Schweinen, Rindern, Hühnern und Puten. In Deutschland. In Bayern. In Ihrer Nähe."

Da ist es nur konsequent, dass das Schwein die Schirmherrschaft für das Tollwood Winterfestival 2014 übernommen hat und mehr Respekt für seine Artgenossen von den Menschen einfordert: "Gerade ich als Schwein bin in vielen Bereichen dem Menschen recht ähnlich", schreibt es im Programmheft: "Ich liege gerne in der Sonne, dusche gerne, fresse für mein Leben gerne feine Dinge, und wenn ich behandelt werde, wie es sich gehört, rieche ich ganz wunderbar."

Um seinem Anspruch auch gatronomisch gerecht zu werden, gibt es zum Winterfestival 2015 erstmals ein rein vegetarisch-veganes Zelt auf dem Tollwood. Jetzt muss nur noch das restliche Festival auch noch vegan werden. Vielleicht schon zum nächsten Sommer? Denn artgerecht ist nur die Freiheit. Oder in den Worten von Hilal Sezgin: "Tiere sind unsere Mitbewohner auf diesem Planeten, nicht unsere Sklaven oder unser Essen.             

Auch zum vergangenen Sommerfestival wurde das Thema "Massentierhaltung" thematisiert. Das Motto: "Wir das Tier.

Tier-Demo, Sommer Tollwood 2014 Foto: StopMeat
Große Tierskulpturen am Eingang taten stellvertretend das, was Tiere nicht können: Für ihre Belange demonstrieren.

Das Tollwood Winterfestival 2013 stand bereits unter dem Motto "ARTgerecht", mit der Kunstinsallation "Café Bad Connection": Ein mehrstöckiges Gebäude aus Gitter, unterteilt in winzige Käfige. Besucher konnten so am eigenen Leib erfahren, wie Tiere unter der grausamen  Massenhaltung leiden.

Dienstag, 31. Dezember 2013

StopMeat-Jahresrückblick: Was 2013 wichtig war

Noch immer sind wir von einer Welt ohne sinnloses Tierleid weit entfernt. Auch 2013 mussten unzählige Tiere in den Tierfabriken und Schlachtereien für den Gaumenkitzel der Fleischesser leiden. Es hat aber dennoch auch viele positive Entwicklungen gegeben. StopMeat blickt auf ein ereignisreiches Jahr zurück. 

Foto: StopMeat


"Die Zeit wird kommen, da die Menschen, wie ich, die Tiermörder mit gleichen Augen betrachten werden wie jetzt die Menschenmörder."

Leonardo da Vinci

Januar 2013

  • Über 1.000 Tiere frisst ein Durchschnittsdeutscher in seinem Leben - darunter vier ganze Rinder, vier Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 64 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Das ist das unappetitliche Ergebnis des Fleischatlas 2013, den die Heinrich-Böll-Stiftung, Le Monde Diplomatique und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) herausgebracht haben. Die Deutschen essen damit doppelt soviel Fleisch wie Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Zahlen haben eine große mediale Beachtung erfahren. Und sie verdeutlichen vor allem eins: So geht es nicht weiter - eine Wende in der Agrarpolitik ist überfällig. Stop Eating Animals!
  • Die Zahl der Tierfabriken wächst in Deutschland und erreicht einen traurigen Rekordwert: "Deutschland wird zum Maststall Europas und zum führenden Billigfleischexporteur", fasst die Bundestagsfraktion der Grünen ihre Ergebnisse zusammen. 
  • Seit Anfang des Jahres ist die grausame dauerhafte Käfighaltung in sogenannten Kastenständen EU-weit verboten. Schweinehalter ingorieren jedoch dieses Verbot. Die Albert-Schweitzer-Stiftung startet daraufhin eine Protestaktion wegen illegaler Tierquälerei.
  • Wir haben Agrarindustrie satt! Am 19. Januar kommt es zu einer großen Demo gegen Massentierhaltung in Berlin. Auch für 2014 ist eine Protestaktion geplant.

Februar 2013

  • Ein Pferdefleischskandal erschüttert die deutschen Haushalte: Pferdefleisch in der Lasagne. StopMeat kommentiert auf Twitter: "aber der eigentliche Skandal ist doch, dass Menschen es schlimm finden, Pferde zu essen, während Kühe essen für sie völlig okay ist." 
  • Philosoph und Tierrechtsvordenker Peter Singer ("Animal Liberation") veröffentlicht einen bemerkenswerten Artikel in der "Welt": "Tierschutz: Ein historischer Kampf wie gegen die Sklaverei" .
  • Pferdefleischskandal geht weiter: Jetzt werden auch Dopingmittel in der Lasagne entdeckt.

März 2013

  • Veggie Day in den USA: In Los Angeles sind jetzt Montags alle Schulen fleischfrei
  • Tierrechtsorganisationen feiern vegane Ostern: Jedes Jahr werden allein in Deutschland 40 Millionen männliche Küken bei lebendigem Leib zerschreddert, vergast oder auf den Müll geworfen. Deshalb: Wer Eier hat lässt die Eier weg!

April 2013

  • Schlachtzahlen: 2012 wurden 15 Millionen Tiere weniger im Vergleich zum Vorjahr ermordet. Trotz der positiven Trendwende: Jedes ermordete Tier ist eines zu viel.
  • Gesehen: In einem brasilianischen Imbiss in München verkaufen sie Menschenfleisch: "Reis, Bohnen, Hänschen und Salat in Tomaten Sauce". Inzwischen wurde das Schild entfernt
  • Wurstlobbyist Uli Hoeneß ist ein reicher Mann - nicht zuletzt durch die Ausbeutung und Tötung von unzähligen Tieren: Seine Nürnberger Rostbratwürste werden europaweit verkauft. Jetzt wird bekannt, dass der FC-Bayern-Funktionär und CSU-Amigo Steuern im großen Stil hinterzogen hat - und alle sind auf einmal überrascht oder "enttäuscht"...

Mai 2013

  • Doppelter Erfolg für den Verein gegen Tierfabriken in Österreich: Die Tierschutzorganisation erreicht, dass der Tierschutz in die Verfassung aufgenommen wird - und gewinnt den ersten Preis für den Tierschutzlauf.

Juni 2013

  • Die Fleischindustrie versklavt nicht nur die Tiere, sondern auch ihre Handlanger: Zeitungen berichten von "skandalösen Verhältnissen" und "Lohnsklaven". Konkret geht es um schlechte Bezahlung, "unwürdige Unterkünfte", Erniedrigung und Erpressung. Auch von Menschenhandel und organisierter Kriminalität ist die Rede. 
  • Der Verein gegen Tierfabriken ruft zur Selbstanzeige auf: Tierschutzaktivismus darf nicht kriminalisiert werden!
  • Billigfleisch um jeden Preis: Staatsanwälte in Düsseldorf und Oldenburg ermitteln gegen 22 Firmen der Fleischindustrie wegen des Verdachts der jahrelangen Steuerhinterziehung im großen Stil.
  • Die Schlachtzahlen in Deutschland sind im ersten Quartal 2013 weiter gesunken: 1,7 Millionen Tiere weniger wurden ermordet im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. 

Juli 2013

  • "Mir hams satt": Die erste bayerische Großdemo gegen Tierfabriken findet in München statt. 8.000 Menschen demonstrieren vor der bayerischen Staatskanzlei.
  • Überall stinkt es beißend nach verbrannten Leichen - es ist wieder Grillsaison.
  • Australien erkennt die vegane Ernährung offiziell als gesund an. 
  • Indien erkennt Delphine als nicht-menschliche Personen an, deren Rechte auf Leben und Freiheit respektiert werden müssen. 

August 2013

  • 20 Millionen Schweine landen pro Jahr im Müll, geht aus einer Schätzung von Naturschützern hervor. Die Folge von Billigfleisch.
  • Der Veggie-Day erhitzt die Gemüter im Wahlkampf: Es geht um einen Vorschlag der Grünen, einen fleischfreien Tag pro Woche in Kantinen einzuführen. Früher wurde einmal pro Woche Fleisch gegessen, jetzt schreien Fleisch-Junkies, wenn sie einen Tag auf Tierleichen verzichten sollen. 
  • Ein - vermutlich von der Fleischlobby bezahlter - Attentäter verätzt drei TierschützerInnen und einen Passanten in Österreich gezielt mit Buttersäure.
  • Ein Wurstproduzent erkennt die Zeichen der Zeit: "Wir essen zu viel Fleisch" bekennt ausgerechnet der Chef der Rügenwalder Mühle. 

September 2013

  • Veganer stellt Weltrekord auf: Patrik Baboumian, der 2011 den Titel "Stärkster Mann Deutschlands" gewann, trug 555 Kg zehn Meter weit. 
  • Bei dem Skandalkonzern Wiesenhof landen lebende Hühner im Mülleimer, und bei Galeria Kaufhof finden Kontrolleure verdorbene Grillhähnchen. 
  • Die CDU gewinnt die Bundestagswahlen - ein schwarzer Tag für den Tierschutz. Immerhin fliegt die "Jetzt erst recht Fleisch essen"-Partei FDP raus. 
  • Nordrhein-Westfalen beschließt als erstes Bundesland das grausame Zerschreddern von männlichen Küken zu verbieten. 

Oktober 2013

  • Auf dem Oktoberfest werden in zwei Festzelten erstmals vegane Speisen angeboten.
  • Stopvivisection: Die Europäische Bürgerinitiative zur Abschaffung von Tierversuchen schafft die erforderlichen Millionen Stimmen. 

November 2013

  • Fleischskandal in Niedersachsen: es geht um tonnenweise vergammeltes Fleisch. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt. 
  • Betrug mit über 250 Tonnen gefälschtem Bio-Fleisch: Der Betrüger kommt mit Bewährung davon.
  • Klimaaktivist Al Gore wird Veganer. 
  • Die SPD knickt bei den Koalitionsverhandlungen vor Tierquäler-Partei CDU ein: Damit sind die Forderungen für mehr Tierschutz vom Tisch. 

Dezember 2013

  • Sieg der Fleischlobby in der EU: In Schlachthöfen muss weniger kontrolliert werden. 
  • Wieder ein Pferdefleischskandal - diesmal in Frankreich. Dabei geht es um das Fleisch von Pferden, die von der Pharmaindustrie für die Herstellung von Medikamenten missbraucht wurden. 
  • Das Tollwood-Festival setzt ein Zeichen gegen Massentierhaltung. Im Mittelpunkt steht das "Café Bad Connection" - ein begehbarer Käfig. 

Sonntag, 8. Dezember 2013

Tollwood setzt Zeichen gegen Massentierhaltung

"ARTgerecht" - unter diesem Motto steht das Münchner Tollwood-Festival im Winter 2013. Im Mittelpunkt steht das "Café Bad Connection": Ein mehrstöckiges Gebäude aus Gitter, unterteilt in winzige Käfige. Besucher können so am eigenen Leib erfahren, wie Tiere unter der grausamen  Massenhaltung leiden.
Cafe Bad Connection  Foto: StopMeat


Das diesjährige Tollwood Winterfestival stellt gemeinsam mit dem Deutschen Tierschutzbund das Thema artgerechte Tierhaltung in den Mittelpunkt. Wer das Festivalgelände betritt, sieht einen riesigen Käfig - das "Café Bad Connection". Entworfen hat es der Aktionskünstler Wolfgang Flatz. "Legebatterien, Bullenmast, Schweinezucht, Kaninchenställe, Asylantenheime, Trabantenstädte und artverwandte Architekturen vebinden wir im allgemeinen mit unwürdiger Unterbringung von Tieren und Menschen", ist auf einem Schild an dem Käfig zu lesen. "Weder Tier noch Mensch wollen oder brauchen das", stellt Flatz klar: "Geschuldet ist diese Form von Einrichtungen der Massenhaltung einer Konsum- Mehrwert- und Profitgesellschaft, die rücksichtslos auf Kosten anderer Lebewesen Produktionsmethoden entwickelte, die sich weder an der Art noch am Leid, das durch diese Systemarchitektur entstand, orientiert oder beeindrucken lässt."

Artgerecht? Foto: StopMeat
Das Leid in der Massenhaltung wird so für jeden Besucher, der sich in einen der kleinen Käfige zwängt, physisch erfahrbar. Der Unterschied: Die Käfige sind nicht abgeschlossen, schnell ist man wieder draußen in der Freiheit, nachdem man den grandiosen Ausblick auf das Festivalgelände vom oberen Stock des Kunstwerks genossen hat. Viele Besucher wirken amüsiert, auf ihrem Kurztrip in die Hölle der industriellen Massenhaltung- und vernichtung. Aber Millionen Tiere müssen ihr komplettes kurzes Leben in einem solchen Käfig verbringen,. Da bleibt zu hoffen, dass der Besuch des "Café Bad Connection" bei einigen Besuchern auch ein Umdenken bewirkt. Immerhin hängen am Eingang und am Ausgang Untertschriftenlisten aus. Dort - und auch online - können Besucher für die Abschaffung der industriellen Massentierhaltung unterschreiben.

Nackt und schutzlos wie die Tiere

Am Samstag, den 14. Dezember 2013 haben 63 Menschen bei eisiger Kälte nackt und schutzlos in dem dreistöckigen Gitterkäfig gegen die Massentierhaltung demonstriert. Mit dem Auftritt wollten die Demonstranten die Beklemmung und Würdelosigkeit in den Tierfabriken zum Ausdruck bringen. Die Aktion "Krönung der Schöpfung" von Wolfgang Flatz war Teil der Kampagne "ARTgerecht: Lasst Tiere wie sie sind", sie wurde von der Fotografin Nomi Baumgartl begleitet und dokumentiert

 "'ARTGerecht" zielt auf Lebensbedingungen von Tieren in Zucht und Aufzucht, die ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechen. Denn hier wird grausam gesündigt - das Stichwort lautet industrielle Massentierhaltung. Hühnern werden die Schnäbel gekürzt, Schweinen die Schwänze abgeschnitten, Kühe werden enthornt, alles mit dem Ziel, möglichst viel Fleisch zu erwirtschaften", erklärt Tollwood-Chefin Rita Rottenweiler.

In einem eigenen Kinderzelt  können sich auch die Kleinen schon darüber informieren, unter welchen Bedingungen die geliebten Tiere gehalten werden. Dafür werden Werkstätten angeboten, die das Thema spielerisch veranschaulichen. Was bedeutet artgerechte Tierhaltung? Wie kann jeder beim Einkauf den Tieren helfen? Legen die Hühner Eier damit wir sie essen? Das sind Fragen, um die es dabei geht.

So lobenswert es ist, auf das Problem der Massentierhaltung aufmerksam zu machen - konsequent ist es nicht, wenn gleichzeitig zahlreiche Stände die Besucher mit toten Tieren verköstigen. Hier könnte das Festival noch viel mutiger sein. Immerhin werden seit jeher auch viele vegetarische Gerichte angeboten. Ein echtes Zeichen könnte das Tollwood setzen, wenn es ausschließlich veganes Essen verkaufen würde. Immerhin wurden dieses Jahr auf dem selben Gelände erstmals in der Geschichte des größten Massenbesäufnisses der Welt vegane Speisen auf dem Oktoberfest angeboten.



Freitag, 4. Oktober 2013

Oktoberfest 2013 - ein Paradigmenwechsel?

Auf dem "größten Fest der Welt" werden in München nicht nur Jahr für Jahr Unmengen an Bier getrunken, sondern auch unzählige Ochsen, Hähnchen und weitere Tiere konsumiert. Eine fleischlastige Ernährung , so scheint es, ist mit der bayerischen Kultur, und somit auch mit der "Wiesn", untrennbar verbunden. Regiert hier doch seit einer gefühlten Ewigkeit die konservative CSU - Partei der Fleisch- und Massentierhaltungslobby - zu deren Anhängern sich auch der Vegetarierhasser und Wurstfabrikant Uli Hoeneß zählt.

Doch die immer zahlreicher werdende Gruppe von Menschen, die bei Tierleid und Massentierhaltung nicht mehr mitmachen wollen, hat mit ihren Argumenten nun auch das große Fest der lederhosentragenden Fleischfresserei erreicht: Erstmals werden auf dem Oktoberfest 2013 vegane Speisen angeboten. Es sieht so aus, als hätte die Überzeugungsarbeit zahlreicher Tierrechtsorganisationen, die sich zum Oktoberfest 2012 auf dem Marienplatz zum "Wiesn Meat Out" versammelt hatten, um über das Leid der Tiere durch die Fleischindustrie aufzuklären, erste Früchte getragen hat.

Bislang mussten sich vegane Wiesngänger mit gebrannten Mandeln, Radi und Brezn zufrieden geben. Aber dieses Jahr gibt es im Herzkasperzelt auf der "Oiden Wiesn" erstmals auch vegane Käsespätzle, Salat mit gebratenem Gemüse oder veganen Apfelkuchen. Initiator der Neuerung ist Lorenz Hocke, der in dem veganen Münchner Restaurant Max Pett kocht. Er ist der Sohn des Besitzers von dem Herzkasperzelt. Als er seinem Vater vorschlug, vegane Speisen anzubieten, sei dieser sofort einverstanden gewesen, schreibt die taz:  Immer wieder gebe es große Gruppenreservierungen, manchmal von 150 bis 200 Personen. "Da kann man davon ausgehen, dass auch Veganer dabei sind", so sein Argument: "ich bin Gastwirt, warum soll ich dieser Kundschaft nicht auch was Ordentliches anbieten". 

Und auch ein zweites Festzelt bietet nun erstmals ein veganes Essen an: Im Ammerzelt gibt es Bio-Hühner-Frikassee aus Sojaschnitzel mit Spargel, Kapern, Erbsen und Reis. "Unsere veganen Wiesngäste können sich ihre Verpflegung doch nicht in der Tupperschüssel mitbringen", meint Geschäftsführerin Claudia Trott. Jetzt nimmt also auch der Mainstream die Veganer als zahlende Zielgruppe wahr. Bleibt zu hoffen, dass diese Zielgruppe mit den  neuen Angeboten weiter wächst und die der Fleischesser immer kleiner wird. Letzes Jahr spuckte Wiesn-Wirte-Sprecher Toni Roiderer noch ganz andere Töne: "Fleisch ist mein Gemüse. Ich komme aus einer Metzgerfamilie und mein Vater hat schon immer gesagt: Bua, Fleisch ist das beste Gemüse. Ich mische mich ja auch nicht ein, wenn die Vegetarier dem Vieh das Futter wegessen." Ob er dieses Jahr sein Fähnchen nach einem anderen Wind dreht und ein Loblied auf die fleischfreie Ernährung singt? Immerhin sind ja auch Veganer zahlende Gäste, und sie werden immer mehr…



Sonntag, 17. März 2013

Vegane Ostern

Vegane Ostern. Foto: StopMeat
Wer zu Ostern wieder eifrig Eier mit schönen Farben bemalen will, sollte sich eine unschöne Tatsache ins Bewusstsein rufen: Jedes Jahr werden allein in Deutschland 40 Millionen geschlüpfte männliche Hühnerküken bei lebendigem Leib zerschreddert. Weil sie keine Eier legen - und damit wertlos für den Eierproduzent sind. Tierrechtsorganisationen warben deshalb am 16. März mit Livemusik, Essen und Infoständen für ein veganes Osterfest.

"Gerade zu Ostern werden viele Kaninchen und Hasen verschenkt und landen nach dem Fest im Tierheim. Der Konsum von Fleisch und Eiern ist ebenfalls einer der typischen Brennpunkte", schreibt die Tierrechtsinitiative München, die auf dem Münchner Marienplatz mit Infoständen und einer Kochshow für ein "Veganes Ostern" warb: "Soll ein Osterfest nicht Freude machen statt Leid in der Tierwelt zu erzeugen und die Umwelt zu belasten?".
Vertreten waren auch Tierrechtsorganisationen wie Ärzte gegen Tierversuche, Animal Peace, Animal 2000 oder Sea Shepherd.

Schlange stehen für den Veggie Döner. Foto: StopMeat
Mit zahlreichen veganen Spezialitäten, von Grillwürsten, über Käse bis zu Capuccino konnte sich jeder Besucher davon überzeugen, dass für ein leckeres Essen keine tierischen Produkte nötig sind. Am Stand von Royal Kebaphaus-Chef Erbil Günar, dem Erfinder des veganen Döner, bildete sich eine beachtlich lange Schlange. Das Team kam kaum hinterher, den inzwischen berühmten Döner aus Seitan unter die Leute zu bringen.

Es sieht ganz danach aus, dass auch der konservative Durchschnittskonsument seine Scheu vor veganen Produkten verliert. Dass die rund 700 000 in Deutschland lebenden Veganer immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen ist auch Thema eines längeren Artikels in der aktuellen Ausgabe des "Spiegel". "Mit ihrer neuen Gelassenheit sind die Veganer auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft ein gutes Stück vorangekommern", heißt es darin. Nach Angaben des Vegetarierbundes (Vebu) ist die Zahl der Vegetarier in Deutschland von 2009 bis heute von etwa 6,3 Millionen auf 6,9 Millionen gestiegen - wobei der Anteil der Veganer unter ihnen mittlerweile stärker wächst. Und mit jedem neuen Lebensmittelskandal werden es mehr.

Montag, 31. Dezember 2012

Macka B: "Was ich esse"

Reggaesänger und Veganer Macka B (Foto: Macka B)
Er singt gegen Rassismus, gegen Atomkraft, für die Gleichberechtigung - und immer wieder für eine tierleidfreie Ernährung. Der britische Reggaesänger und Veganer Macka B schafft es, das schwierige Thema Ernährung in groovige und lebensbejahende Songs zu verpacken - und widerlegt damit spielerisch jedes Klischee vom humorlosen und drögen Vegetarier.  

Macka B (geboren als Christopher MacFarlane in England) beschäftigt sich in seinen sozialkritischen Liedern immer wieder mit dem Thema Ernährung. Auf Konzerten äußert er sich immer wieder kritisch zu Fastfood-Ernährung und den dazugehörigen Konzernen ("We don't want no Big Mack"). Als die BSE-Seuche wütete, schrieb er ein Lied über den Rinderwahnsinn, der sich von England aus verbreitete: "Mad Cow".

Der seit über dreißig Jahren tätige Musiker ist seit vielen Jahren überzeugter Veganer, und wer den lebensfrohen Sänger einmal live gesehen hat, weiß dass er  sich bester Gesundheit erfreut. Vegetariern und Veganern wird von Fleischlobbyisten immer wieder nachgesagt, sie seien humorlos oder langweilig - der FC-Bayern Präsident und Wurstlobbyist  Uli Hoeneß machte in einer Ansprache erst kürzlich Stimmung gegen Vegetarier: "Ich habe noch keinen Vegetarier, gesehen, der gelacht hat". Dabei passt der cholerische und altbackene Fußballfunktionär viel besser in dieses falsche Klischee als sämtliche Tierfreunde. Vielleicht sollte der Wurstfabrikant einfach einmal auf ein Macka-B-Konzert gehen, um sein krudes Weltbild gerade zu rücken.

Macka-B ließ sich von bekannten jamaikanischen Reggaekünstlern wie Burning Spear, Bob Marley, Peter Tosh und Count Ossie inspirieren. Der praktizierende Rastafari besuchte immer wieder Jamaica - die Insel, auf der nicht nur die Reggaemusik, sondern auch die vegetarische Ernährung (Ital Food) eine lange Tradition hat - um Musikalben aufzunehmen.

Zu einem regelrechten Kult-Song hat sich seine Veganer-Hymne "Wha me Eat" ("Was ich esse") entwickelt, die auf keinem seiner Konzerte fehlen darf. In diesem Lied beschreibt Macka B, wie er immer wieder komisch angesehen wird, wenn er sagt, dass er sich vegan ernährt. Denn die Leute wüssten einfach nicht, wie vielseitig eine vegane Ernährung sein kann. Dabei ist die Liste der Lebensmittel auf seiner Speisekarte beeindruckend lang, wie er in seinem Song beweist:

Macka B: "Wha Me Eat"



 Macka B:  "Wha me eat" ("Was ich esse", deutsche Übersetzung)

"Wir sind natürlich und vegan, wir essen von der Erde und lassen den Tieren ihr Leben. Kein totes Fleisch, kein Pelz, keine Federn. Wenn ich den Leuten erzähle, ich esse kein Fleisch, keinen Fisch oder Milchprodukte, sehen sie mich komisch an. Sie verstehen nicht, dass ich mich sehr abwechsungsreich ernähre. Sie fragen sich, was ich esse!

Wenn ich ihnen erzähle, ich esse weder Fisch noch Fleisch,  fragen sie sich, was ich esse, wenn ich ihnen sage, dass ich Veganer bin.

Ich esse weder Fisch, noch  Käse oder Eier. Nichts mit Füßen, Augen, Federn oder Kopf, nichts mit Lippen, Ohren, Zehen oder Beinen. Statdessen esse ich lieber Obst und Gemüse. Ich bin achtsam und wählerisch bei meiner Ernährung. Meine Medizin ist mein Essen, mein Essen ist meine Medizin.

Wenn ich den Leuten sage, dass ich diese Dinge nicht esse, sehen sie mich an, kratzen sich am Kinn und wundern sich. Was ich esse, sie fragen sich, was ich esse. Wenn ich ihnen sage, ich esse weder Fisch noch Fleisch, fragen sie sich was ich esse.

Wollt ihr hören was ich esse? Ich esse Callaloo, Ackee, Süßkartoffel, Jamswurzel. Banane, Tomaten, Kohl, Spinat, Avocado, Chayote, Bohnen., Reis, Kürbis, Mango, Guaven, Kichererbsen, Maniok, Rosenkohl und Blumenkohl, Zwiebel, Gurke, Pflaumen und Papaya, Aubergine, Linsen und Quinoa, Karotten, Tofu, Paprika, Brokkoli und Kokosnuss, Pfirsiche, Äpfel, Aprikosen, Grapefruit, Pistazien, Melone, Erbsen, Knoblauch, Kirschen, Erdbeeren ..." und so weiter...


"Wha Me Eat" Original Songtext (geschrieben  in English and Patois, Übersetzungen  in Klammern):

 "Selamta (Greetings in Amharic) Ital (natural) we Ital and Vegan we Vegan I and I (we) eat from the earth and leave the animals to give birth No deaders (dead flesh) No fur No feathers When I tell people I don't eat meat, fish or dairy They look at me strangely They don't realise I eat a very wide variety Listen to Macka.B Yo! Chorus x2 Wha me eat them a wonder wha me eat When me tell them say me nu (don't) eat no fish nor no meat no Wha me eat them a wonder wha me nyam (eat) When me tell them say that I'm a vegan Verse1 Well me nu eat no meat no fish no cheese nor no egg Nothing with no foot no eye no wing nor no head Nothing with no lip no ears no toe nor no leg Prefer fruit and vegetables instead Me careful and me choosy about what I'm eating My medicines my food my food is my medicine When I tell people that me nu eat dem deh (those) things They look at me and scratch their chin And start wondering Chorus Wha me eat them a wonder wha me eat When me tell them say me nu eat no fish nor no meat no Wha me eat them a wonder wha me nyam When me tell them say that I'm a vegan Wha me eat them a wonder wha me eat When me tell them say me nu eat no fish nor no meat no Wha me eat them a wonder wha me eat Dou you want to hear wha me eat? Verse 2 I eat Callaloo, Ackee, Sweet Potato, Yam, Banana and Tomato Cabbage, Spinach, Avocado, Cho Cho, Butter Beans ..."

Freitag, 14. Dezember 2012

Philosophen zwischen Sein und Sollen


Oder: Warum Peter Sloterdijk sein Leben ändern muss


"Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen"
Albert Schweitzer ("Ehrfurcht vor den Tieren")

Von den Philosophen können sich die geschundenen Tiere in unserer Gesellschaft wohl am wenigsten Rettung erhoffen. Die Zunft der Denker schwadroniert zwar allzu gerne von Ethik und Moral, auch wenn es um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier geht; wenn es aber konkret wird, entpuppt sich ihr Gerede leider viel zu oft als heiße Luft, entlarven sich ihre hehren Gedanken als leere Worthülsen.  

Foto: ulitie  / pixelio.de
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern." Der berühmte Satz von Karl Marx kommt mir unweigerlich in den Sinn, wenn ich an den Philosophen Peter Sloterdijk denke. Insbesondere wenn man davon ausgeht, dass jede Veränderung zunächst von  einem selbst ausgehen muss. Wie wollen wir Missstände anprangern, wenn wir selbst ein Teil davon sind?  "Wasser predigen und Wein trinken" ist noch so eine bekannte Redewendung, die gut auf Sloterdijk anwendbar ist - wobei es hier überhaupt nicht um alkoholische Getränke geht. In diesem Fall müsste es heißen: "Tierrechte predigen und Fleisch essen."

Denn Sloterdijk ist ein durchaus profilierter Kopf in Sachen Tier und Mensch. Als Schirmherr der "Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt" stellt sich  der Kulturwissenschaftler in die erste Reihe einer Bewegung, die sich die Förderung der Tierrechte auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Tierethik im weiteren Sinne hat eine lange Tradition in der Ideengeschichte. Schon der berühmte antike Philosoph und Vorsokratiker Pythagoras (etwa 582 - 496 v. Chr.) stellte die Frage: "Wer mit dem Messer die Kehle eines Rindes durchtrennt und beim Brüllen der Angst taub bleibt, wer kaltblütig das schreiende Böcklein abzuschlachten vermag und den Vogel verspeist, dem er selbst das Futter gereicht hat - wie weit ist ein solcher noch vom Verbrechen entfernt?".

Der Kosmopolit Plutarch (45 – 120 n. Chr.) schreibt: "Könnt ihr wirklich die Frage stellen, aus welchem Grunde sich Pythagoras des Fleischessens enthielt? Ich für meinen Teil frage mich, unter welchen umständen und in welchem Geisteszustand es ein Mensch das erste Mal über sich brachte, mit seinem Mund Blut zu berühren, seine Lippen zum Fleisch eines Kadavers zu führen und seinen Tisch mit toten, verwesenden Körpern zu zieren, und es sich dann erlaubt hat, die Teile, die kurz zuvor noch gebrüllt und geschrieen, sich bewegt und gelebt haben, Nahrung zu nennen. (...) Um des Fleisches willen rauben wir ihnen die Sonne, das Licht und die Lebensdauer, die ihnen von Geburt an zustehen."

Der englische Philosoph und Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham (1748 – 1832), formulierte als einer der ersten Befürworter von Tierrechten den entscheidenden Satz: "Die Frage hat für die Menschheit nicht zu lauten: Können die Tiere denken? Sondern sie muss zu lauten: Können die Tiere leiden?"


Als wichtigster Vertreter der zeitgenössischen Tierrechtsbewegung ist wohl der australische Philosoph Peter Albert David Singer zu nennen. In seinem 1975 verfassten Werk "Animal Liberation" (Die Befreiung der Tiere), das zu einem Klassiker der Tierrechtsbewegung wurde, beschreibt er die Diskriminierung und Ausbeutung von Tieren durch den Menschen aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit (Speziesismus).  Singer wird als Mitbegründer der modernen Tierethik angesehen. 

"Er schaut sich alles an, auch die allerunangenehmsten Sonderfälle, und lässt sich auf Dinge ein, an denen sich andere Leute vorbeischummeln, um sich ein harmloseres Weltbild bewahren zu können", sagt Sloterdijk über Singer in einem Interview mit der österreichischen Zeitung der Standard. Auf die simple Frage, "sind Sie Vegetarier?" antwortet er: "Nein. Aber wir schränken den Fleischkonsum ein wenig ein."  Ein einfaches und ehrliches "Nein" hätte es auch getan. Den Fleischkonsum "ein wenig einschränken" – das ist also die wegweisende Antwort des großen Philosophen Sloterdijk auf die Tierrechtsfrage. Noch vor über zehn Jahren prognostizierte er, dass die jüngeren Menschen in der Bevölkerung sich gegen die Tiermisshandlungen der industriellen Fleischproduktion wenden würden. Aber wie kann man  Hoffnungen auf andere richten, wenn man selbst nichteinmal dazu bereit ist, sein Leben entsprechend zu ändern?

Ausgerechnet "Du musst dein Leben ändern" lautet eines seiner Essays. Peter Sloterdijk, hiermit fordere ich dich auf: Fang bei dir selbst an, ändere dein Leben! Dann kannst du auch Interviewfragen offen und ehrlich beantworten. Für den Anfang: Ändere deine Ernährungsgewohnheiten, höre damit auf, Tiere zu essen. Du musst es nur wollen – das ist der Weg vom  Sollen zum Sein. 

Verdrängungskünstler

Ähnlich inkonsequent wie Sloterdijk laviert sich der Philosoph Robert Spaemann im Gespräch mit Richard David Precht durch die Tierrechtsthematik. So hält er es zwar für "verwerflich und unmoralisch, Tieren absichtlich Leid zuzufügen", im selben Atemzug aber hält er es für gerechtfertigt, Tiere zu töten ("weil Tiere keine Biographie haben"). Genau damit fügt er aber dem Tier vermeidbares Leid zu. Seine revolutionäre Konsequenz aus dem Umstand der vorherrschenden grausamen Massentierhaltung: "Ich esse nicht mehr jede Form von Fleisch". Auf diesen Minimalkonsens könnte sich wohl jeder Fleischesser einigen, denn wer isst schon "jede Form von Fleisch". Dann wiederum meint er, Menschen dürften immerhin keine Primaten töten. Weil die doch recht schlau seien. Es komme aber nicht auf die Intelligenz, sondern auf die Leidensfähigkeit eines Lebewesens an, hält ihm Precht entgegen.  Da flüchtet sich Spaemann in stumpfen Speziesismus: Allein die Tatsache Mensch zu sein, nicht Vernunft oder Leidensfähigkeit, entscheide, ob ein Lebewesen getötet werden darf oder nicht. Dann gibt er zu, dass jede Tötung mindestens einen Augenblicksschmerz verursacht. Es bleibt letztlich bei einem vagen "es kommt immer darauf an", so das erschreckend nichtssagende Fazit des Philosophen Spaemann. Mal sagt er so, dann wieder so, Tiere töten ist irgendwie schlecht, aber dann auch wieder irgendwie nicht, er biegt sich die Welt immer so zurecht, wie es ihm gerade passt. 

Precht bilanziert daraufhin: "Es ist unserer Verdrängungskunst geschuldet, dass es nicht mehr Vegetarier gibt". Und weiter: "Das, was unter der Decke stattfindet, das Treiben in den Schlachthäusern ist eine Grausamkeit, ein industrieller Tiertod unvorstellbaren Ausmaßes, viel brutaler als in den Zeiten des Barock. Wenn wir das tagtäglich vor Augen geführt bekommen, würden wir entweder wieder verrohen oder wir würden sofort sagen: Das muss alles abgeschafft werden!" Es scheint, dass auch die Philosophen wahre Meister in der Kunst des Verdrängens sind. Hauptsache der eigene alteingefahrene Lebensstil wird nicht hinterfragt. Und selbst Precht gesteht, seine Predigten nicht konsequent zu praktizieren: Denn "dann wäre man nicht nur Vegetarier, sondern Veganer" - und das ist auch dem lederschuhtragenden Moralisten zu anstrengend.


Die heutigen Mainstream-Philosophen scheinen unfähig, brauchbare Antworten auf drängende Probleme unserer Zeit zu finden – zugunsten der eigenen Bequemlichkeit. Von der Vorbildfunktion ganz zu schweigen. Bleibt die Frage: Wofür brauchen wir sie eigentlich, die Philosophen?




Sonntag, 4. November 2012

Tierbefreiungsdemo in München: "Tiere haben Rechte, Fleisch ist Mord!"

Für die Rechte der Tiere haben Tierbefreiungsaktivisten am 03.11.2012 in München demonstriert. Die Demonstranten hielten vor einigen Tierausbeutungsstätten an und machten dort auf die problematische Situation der Tiere aufmerksam. Sie stießen auf überwiegend verständnislose Münchner in teuren Pelzmänteln. Die bayerische Landeshauptstadt machte ihrem Ruf als borniertes und blasiertes Provinznest wieder einmal alle Ehre. 

Leben, Freiheit, Unversehrtheit. Foto: StopMeat
München hat rund 1,4 Millionen Einwohner. Zehn davon engagieren sich aktiv für die Rechte der Tiere - das zumindest war die Zahl der Teilnehmer, die am dritten November durch München zogen, um bei strahlendem Sonnenschein gegen die Ausbeutung der Tiere zu demonstrieren. Am Wetter kann die geringe Beteiligung also nicht gelegen haben. 

Die NoLogo-Demo startete um 12 Uhr am Max-Joseph-Platz in der Nähe des Marienplatzes. Unter "NoLogo" wird verstanden: Keine Organisationslogos auf der Demo, Flyer und Transparente sind selbstgemalt und ohne Logo. Die Demonstranten machten Station an verschiedenen Stätten der Tierausbeutung wie Metzgereien auf dem Viktualienmarkt, Pelz- und Ledergeschäften, Vivisektionslaboren und einem Schlachthof. 

Demonstranten vor Ludwig Beck. Foto: StopMeat
"Sie haben gelebt, geatmet wie wir, Fleisch ist ein Stück ermordetes Tier" skandierten sie: "Ob Pelz oder Leder - Mord bleibt Mord. Pelze raus aus den Regalen", forderten sie vor dem Kaufhaus Ludwig Beck am Marienplatz. Begleitet wurden die zehn Demonstranten auf ihrem Zug von ebenso vielen Polizisten und zwei Polizeiautos. Viele Passanten schüttelten verständnislos den Kopf: "So a Aufwand für de Paar Hanseln", meinte eine alte Münchnerin.

Weiter gings zu Mc Donalds im Tal: "Mc Burger, Big Mac - Mc Donalds muss weg!" forderten die Demonstranten vor den Augen der überraschten Fast-Food-Fans: "Die Regenwälder werden abgeholzt, weil wir ein Übermaß an Fleischkonsum haben", erklärte eine Demonstrantin. Menschen und Tiere hätten elementare Interessen wie das Vermeiden von Leid: "Tiere sind Gefangene in einem ausbeuterischen Herrschaftsverhältnis", damit müsse Schluss sein. Für die Grundrechte der Tiere Leben, Freiheit und Unversehrtheit sei eine vegane Ernährung unerlässlich. Angesichts der Bilder gequälter Tiere in Schlachtfabriken, die ihnen die Demonstranten vorhielten, verging einigen Burgerfans dann doch der Appetit. Langsam leerten sich die Tische vor dem Fast-Food-Haus - immerhin ein Teilerfolg. 
"KFC, auch du bist schuld!" Foto: StopMeat

"Schluss mit dem Profit auf Kosten der Tiere", forderten die Demonstranten auch vor dem Burger King, gleich neben McDonalds.  "Dann muss ja jeder Metzger weg", bemerkte ein Passant. Recht hat er, genau so ist es. Auch Kentucky Fried Chicken (KFC) - ebenfalls im Münchner Tal - bekam sein Fett weg: "50 Millionen Küken werden allein in Deutschland an ihrem ersten Lebenstag vergast und geschreddert, weil sie sich für die Mastproduktion nicht eignen", klärten die Aktivisten die Konsumenten auf: "KFC, auch du bist Schuld". "Die Demonstranten tun doch niemandem etwas, da muss man doch nicht die Polizei hinterherschicken", meinte eine Frau. Das mag sein, aber wer weiß, ob nicht der eine oder andere aufgebrachte Fleischfresser auf die Demonstranten losgegangen wäre... Fleisch macht ja bekanntlich aggressiv.

Vor der Schrannenhalle wurde gegen den ach so feinen "Feinkost"-Käfer demonstriert, der Stopfleber als "Delikatesse" unters Volk bringt. Käfer steht auf Platz 1 der skrupellosesten Stopfleberverkäufer in Deutschland. Sowohl im Online-Shop als auch im Restaurant ("Käfer Schänke") wird das widerwärtige Produkt verkauft. Für Stopfleber, auch Foie gras genannt (französisch für "fette Leber"), werden Gänse oder Enten in den letzten 20 bis 30 Tagen ihres Lebens zwangsernährt. Dabei wird ihnen drei bis vier mal pro Tag mit einem Rohr ein Brei aus Mais und Schweineschmalz in den Magen gepumpt. Das führt dazu, dass die Lebern statt der üblichen 300 Gramm 1000 bis 2000 Gramm zum Tötungszeitpunkt wiegen. 

Es sind drängende und wichtige Themen, auf die die Demonstranten aufmerksam machen. Warum aber war die Resonanz nur so gering? Vielleicht lag es daran, dass die Demonstranten "Personen mit antiemanzipatorischem Gedankengut" auf der Demo für unerwünscht erklärt hatten. Vielleicht wollen einige Organisationen auch nur mitmachen, wenn sie mit einem Logo Werbung für ihren Verein machen können. Dabei sollte es in der Tierrechtsbewegung niemals um die Interessen einzelner Organisationen, sondern um die Interessen der Tiere gehen - dazu müssen wir alle an einem Strang ziehen und sollten niemanden im Vorneherein ausschließen oder verschrecken. 

Start auf dem Max Jospeh Platz. Foto: StopMeat



Samstag, 4. August 2012

So betrügt die Lebensmittel-Mafia

Foodwatch klagt an: Gelatine im Saft, Schweineborsten in der Brotherstellung, Milchzucker für Veganer. Die Lebensmittel-Industrie betrügt Verbraucher in großem Stil. In vermeintlich "vegetarischen" Lebensmitteln versteckt sie tierische Bestandteile ohne Kennzeichnung auf der Zutatenliste.

Foto: Foodwatch
Recherchen der Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch zeigen, dass die Lebensmittel-Mafia Verbraucher in einem schockierenden Ausmaß betrügt. Wer sich tierfrei ernähren will, wird an allen Ecken und Enden hintergangen. "Ohne Deklarationspflicht kommen tierische Bestandteile als Trägerstoffe von Aromen und Vitaminen in Lebensmittel", erklärt Foodwatch: "Zum Beispiel befindet sich in den Multivitaminsäften Valensina und hohes C (Eckes Granini) Gelatine als Träger von zugesetzten Vitaminen, wie die Hersteller auf Anfrage bestätigten." Auch der  Chips-Produzent funny-frisch habe auf Anfrage angegeben, "dass weite Teile seines Sortiments tierische Bestandteile enthalten, je nach Sorte Wild, Fisch, Geflügel, Rind oder Schwein."

Das Problem ist eine Gesetzeslücke: Die tierischen Produkte müssen in der Zutatenliste nicht aufgeführt werden. So macht es der Gesetzgeber Verbrauchern quasi unmöglich, tierische Produkte in Lebensmitteln zu vermeiden. "Das ist eine Zumutung für Vegetarier und Veganer, aber auch für alle anderen Verbraucher, die gerade bei tierischen Lebensmitteln bewusste Kaufentscheidungen treffen, den Konsum reduzieren wollen oder nur bestimmte Formen der Tierhaltung unterstützen möchten", sagt Foodwatch-Mitarbeiter Oliver Huizinga. Die Organisation hatte über Facebook zahlreiche Hinweise von Verbrauchern über Produkte mit versteckten Tieren enthalten und daraufhin eine eigene Recherche gestartet.


Die bisher identifizierten Produkte:

  • Chips von Funny Frisch: Fisch, Schwein, Wild, Kalb und Geflügel gelangen in Form von Aromen in die Chips. In den meisten Fällen ohne entsprechende Kennzeichnung.
  • Frischkäse von Rotkäppchen und Bresso, Quark von Milram: Hier ist Gelatine drin, die aus Schweinhaut erzeugt wird.
  •  Ritter Sport Schokolade Marzipan und Halbbitter: Diese Sorten empfiehlt der Schokoladen-Hersteller ausdrücklich Veganern, da sie angeblich "keine Milchbestandteile" enthalten. Falsch: Die Sorten enthalten Spuren von Milchzucker, da die Sorte indenselben Produkionslinien hergestellt wird, die auch Milchschokolade produzieren.
  •  Katjes Yoghurt Gums: Katjes produziert Fruchtgummis mit und ohne Gelatine. Foodwatch erhielt auf wiederholte Nachfrage keine Antwort, ob bei Letzteren Verunreinigungen mit Gelatine auszuschließen seien. Keine Antwort ist auch eine Antwort.
  • Mutltivitaminsäfte von Hohes C und Valensina: Hier wird Gelatine als Trägerstoff für Vitamine eingesetzt. Aus dem Zutatenverzeichnis der Säfte geht das nicht hervor.
  • Orange-Ananas-Saft von Valensina: Auch hier ist Gelantine drin.
  • Maggi Tomatensuppe von Nestlé: In dieser Tomatensuppe ist Speck drin. 
Bestandteile von Tieren kommen zudem bei technischen Hilfsstoffen zum Einsatz, ohne dass dies für Konsumenten ersichtlich wäre. So verwenden einige Produzenten etwa Gelatine zum Klären von Wein  und Saft. Bäckereien verwenden Aminosäure L-Cystein, die aus Schweineborsten oder Federn gewonnen wird, um das Mehl knetbarer zu machen.

Foodwatch fordert deshalb eine gesetzliche Klarstellung mit der Transparenz und Wahlfreiheit erreicht werden soll. Verbraucher können die Forderungen von Foodwatch  mit einer E-Mail-Aktion an Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner unterstützen


Die Forderungen von Foodwatch im Wortlaut:

"1.   Wo Zutaten oder Verarbeitungshilfsstoffe tierischen Ursprungs eingesetzt werden, muss dies deutlich erkennbar sein. Das gilt auch für tierische Bestandteile in Aromen, Zusatzstoffen und technischen Hilfsstoffen, die während des Produktionsprozesses zum Einsatz kommen. Wer vollständig auf Zutaten tierischen Ursprungs verzichten möchte, muss die Möglichkeit dazu haben.
2.   Die Begriffe 'vegan' und 'vegetarisch' müssen wie folgt rechtlich definiert werden:
• Vegetarisch: Ohne Zutaten, die von einem toten Tier stammen, hergestellt (Ovo-Lacto-Vegetarismus) – erlaubt sind Ei- und Milchprodukte
• Vegan: Ohne tierische Lebensmittel (einschließlich Milch- und Eiprodukte) hergestellt
Wird ein Produkt ausdrücklich als 'vegan' oder 'vegetarisch' ausgelobt oder beworben, muss der Hersteller auch jegliche Kreuzkontamination ausschließen können."

Sonntag, 29. Juli 2012

Marathonläufer Mark Hoffmann: "Vegane Ernährung ist die Abkehr vom Extremen"

"Laufen gegen Leiden" lautet das Motto des 35-jährigen Marathonläufers Mark Hoffmann. Der Veganer setzt seine Energie dafür ein, auf das Unrecht und Leid aufmerksam zu machen, das den Tieren täglich angetan wird - in einer Gesellschaft, die an ihrer Doppelmoral krankt. Hoffmann will Vorbild für einen verantwortungsbewussten Lebensstil sein, ohne andere dabei zu missionieren.

Marathonläufer Mark Hoffmann
"Es dauerte knapp bis vor einem Jahr als mich nach dem Konsum meiner letzten fleischhaltigen Mahlzeit ein starkes Gefühl des Ekels und der Schuld überkam. Ich erkannte plötzlich, dass ich Teil von etwas Furchtbarem war und dies nie wieder sein wollte", beschreibt Hoffmann seine Abkehr von der tierischen Ernährungsweise: "Ich sah mich konfrontiert mit dem gesammten Elend und Leid dieser Welt und hundertausend Augen sahen mich an. Und ich war völlig nackt und hatte zu meiner Verteidigung nichts zu sagen."

Noch immer glauben viele, vegane Ernährung würde zwangsläufig zu Mangelerscheinungen führen. Dass dem nicht so ist, dass tierfreie Ernährung sogar förderlich zur Erlangung sportlicher Höchstleistungen sein kann, hat schon Patrik Baboumioan bewiesen, Gewinner der "Strongman-Meisterschaften" 2011 und damit "stärkster Mann Deutschlands". Wie Hoffmann setzt sich auch Baboumian öffentlich für die Rechte der Tiere und eine vegane Ernährung ein.

In einem Spiegel-Interview erklärt Hoffman, warum eine vegane Ernährung nicht "extrem" ist, wie die Frage des Journalisten suggeriert, sondern das genaue Gegenteil: "Ich finde es viel extremer, Tiere genetisch zu optimieren und unter Drogen gesetzt in enge Boxen einzupferchen. Tierversuche, Massentierhaltung - das ist extrem." Allerdings wolle er niemanden missionieren: "Das löst bei vielen den gegenteiligen Effekt aus. Ich lebe lieber vor und hoffe auf Nachahmer."

Hoffmann läuft gegen die vorherschende Gleichgültigkeit und die Doppelmoral, die es ermöglicht, dass Milliarden Tiere unter katastrophalen Bedingungen gehalten und misshandelt werden. Ihm geht es darum, "auf die schrecklichen Dinge hinzuweisen, vor denen ich selbst jahrelang den Kopf in den Sand gesteckt habe". Das erfordert eine Auseinandersetzung mit "der industriellen Massentierhaltung und deren abscheulichen Erfindungen und Praktiken. Mit dem Schulterzucken der Pelzträger. Mit der Doppelmoral welche es gesellschaftlich ächtet, einem Hundewelpen ins Gesicht zu treten, aber gleichgültig der Tatsache gegenübersteht, dass männliche Küken in Fabriken mit Schaufeln in überdimensionale Schredder geschippt werden. Mit der Entrechtung von Tieren."
  
Hoffmanns nächstes Projekt ist ein Spendenmarathon am 28. Oktober 2012 in Frankfurt am Main zugunsten von Seashepherd. Die Tierschutzorganisation setzt sich dafür ein, "die Zerstörung der Lebensräume und das Abschlachten der Tiere in den Weltmeeren zu beenden, um die Ökosysteme und Spezies nachhaltig zu schützen und zu erhalten". 

In der Zeit von 17. bis 20. Mai 2013 soll der "Staffellauf B12" folgen - ein Ultramarhonlauf entlang der 440 Kilometer langen Bundesstraße 12. Ausschließlich vegane Läufer sollen die jeweils 50 Kilometer langen Streckenabschnitte in gleichstarken Gruppen absolvieren. 

Samstag, 9. Juni 2012

Stärkster Mann Deutschlands ist Veganer

Der Leistungssportler und Veganer Patrik Baboumian darf sich seit seinem Sieg bei den "Strongman-Meisterschaften" im August 2011 offiziell der "stärkste Mann Deutschlands" nennen. Er ist der Beweis, dass Kraft - entgegen gerne verbreiteter Klischees - nichts mit Fleischkonsum zu tun hat.

"Die stärksten Tiere der Welt sind Pflanzenfresser: Büffel, Gorillas, Elefanten und ich". Mit diesem Slogan wirbt Baboumian für die Tierrechtsorganisation Peta. 200 Kilo kann er über seinen Kopf stemmen. "Ich bin ein Mensch, der sehr schlecht mit Widersprüchen in seinem eigenen Verhalten klarkommt", begründet der Psychologie-Student, der sich selbst als tierlieb bezeichnet, seinen Verzicht auf Fleisch.

Nach seiner Ernährungsumstellung ist er nicht etwa schwächer, sondern sogar stärker geworden:  "Aus einem ganz einfachen Grund: Fleisch ist eine riesige Belastung für den Stoffwechsel". Ohne Fleisch sei man in der Lage, mehr von den Sachen zu essen, die den Körper weniger belasten. Die nötigen Kalorien holt sich der Potsdamer gerne auch im veganen Restaurant des Berliner Kochs Björn Moschinski, mit dem er befreundet ist.

Über seinen Alltag als Sportler, seine Ernährung und den Bruch mit der tierverarbeitenden Industrie, die Tiere als Ware ansieht und versklavt, sprach der Veganer am 8. Juni 2012 in der NDR-Talkshow:
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_talk_show/videos/ndrtalkshow1433.html

Sonntag, 12. Februar 2012

Ernährung und Erziehung: Schulklassen sollten Schlachthöfe besuchen.

Die Überzeugung, eine gesunde Ernährung sei nur mit Fleisch möglich, ist in den meisten Fällen anerzogen. "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht" lautet ein bekanntes Sprichwort. Umgekehrt gilt natürlich das gleiche: "Was der Bauer (oder wer auch immer) kennt, frisst er". Und so ist es nur verständlich, dass ein Mensch, dem der tägliche Fleischkonsum von Anfang an vorgelebt wurde, dies für selbstverständlich und richtig hält und übernimmt. So wird es Menschen, die aus Familien kommen, in denen viel Fleisch gegessen wird umso schwerer fallen, mit dieser Ernährungsgewohnheit zu brechen. Umso wichtiger ist es, Kinder schon früh für dieses Thema zu sensibilisieren. Kinder sind sensibler als Erwachsene und haben noch ein natürliches und unverfälschtes Gerechtigkeitsempfinden. Gerade deshalb sollten Kinder wissen, wo das Fleisch auf ihrem Teller herkommt - und wie es entstanden ist. Die Konsequenz: Alle Schulklassen sollten mindestens einmal einen konventionellen Schlachthof besuchen. Das Argument, man könne Kindern so etwas nicht zumuten, ist pure Heuchelei. Wer tote Tiere ist, der soll auch wissen, wie diese Tiere getötet wurden - egal wie alt er ist. Es ist wichtig, die grausame Wahrheit über unsere Fleischindustrie zu kennen, um zu entscheiden, ob wir da mitmachen wollen oder nicht. Auch Kinder sind in der Lage, Entscheidungen zu treffen, und Verantwortung für ihre Umwelt zu tragen.

Der SPIEGEL berichtete im Januar über ein Kinderhilfswerk in Berlin, das junge Menschen zu gesunder Ernährung erziehen will. Zu Gast war der bekannte Koch und Veganer Björn Moschinski, der den Kindern zeigte, dass auch vegane Gerichte lecker sein können. Der Bericht verdeutlicht wieder einmal, dass Bildung eine entscheidende Rolle für die Art der Ernährung spielt - je geringer die Bildung, desto geringer auch die Wahrscheinlichkeit einer bewussten und damit vegetarischen Ernährung:

Der SPIEGEL, 16.01.2012:
 Im Lande Tofu
Von Gutsch, Jochen-Martin
Ortstermin: Das Kinderhilfswerk will junge Menschen in einem Berliner Problembezirk zu gesunder Ernährung erziehen.
 
Während Björn Moschinski eine Kiste Kürbisse hineinträgt, erklärt Theresa Reppenhagen die Sache mit der Bärchenwurst.
"Warum sieht die Wurst so aus, was denkt ihr?", fragt Reppenhagen und hält ein Bärchenwurstfoto hoch.
Vor ihr sitzen 18 Kinder an Tischen und schauen auf die Wurst in Bärchenform. "Kinder sollen das niedlich finden", sagt Frau Reppenhagen mit leicht brüchiger Stimme. "Sie sollen nicht daran denken, dass die Wurst aus einem Tier gemacht wurde, das leben wollte."
Zwei, drei Kinder kichern. Vielleicht aus Verlegenheit. Vielleicht, weil sie erst acht Jahre alt sind. Man hat ihnen erzählt, dass heute ein berühmter Koch vorbeikommt, hier in Berlin-Hellersdorf-Nord, um mit ihnen zu kochen. "Veganer Projekttag" heißt das Ganze, organisiert vom Deutschen Kinderhilfswerk und der Albert Schweitzer Stiftung. Aber Theresa Reppenhagen, eine runde Frau, von Beruf Tierschutzlehrerin, hat noch eine Frage.
"Alle Tiere wollen in Freiheit leben. Wir aber essen gern ihre Eier. Was machen wir da also?"
Ein Junge meldet sich. "Gar nichts", sagt er. "Einen Aufstand!", rät ein Mädchen. "Tofu essen?", fragt ein Junge.
Das ist das Zauberwort. "Ein toller Vorschlag", sagt Reppenhagen. "Ich habe früher auch Fleisch gegessen. Dann habe ich aber schreckliche Filme gesehen. Darüber, wie Tiere leiden. Ich habe geweint, wirklich geweint. Wenn nun kein Mensch mehr Fleisch essen würde und niemand mehr Tiere einsperrt, wäre das nicht toll?"
Die Kinder schauen Frau Reppenhagen an, als wollten sie sie trösten. "Deshalb ist heute der berühmte Koch Björn hier", sagt Reppenhagen. "Er wird euch zeigen, wie man tierfreundlich kocht."
Der Koch heißt mit vollem Namen Björn Moschinski, 32, betreibt ein veganes Gourmet-Restaurant in Berlin-Mitte, schreibt vegane Kochbücher, spricht manchmal im Fernsehen über veganes Kochen und lebt "aus Überzeugung" vegan, seit er 15 Jahre alt war. Vegan heißt: kein Verzehr tierischer Produkte. Also auch keine Eier, keine Milch, kein Honig. Moschinski steht dabei in der noch jungen Tradition des Kochs als Pädagoge. Jamie Oliver sorgt in britischen Schulen für gesundes Essen. Christian Rach rettet auf RTL Restaurants vor der Pleite. Björn Moschinski will den Veganismus nach Hellersdorf-Nord bringen. Das ist sicherlich die schwierigste Aufgabe.
"Wisst ihr denn überhaupt, was das ist, vegan?", fragt Björn Moschinski.
Ein Junge meldet sich.
"Ein Land!", sagt er.
Im Prinzip ist das gar nicht falsch. Vegan ist ein fernes, fremdes Land, von Hellersdorf-Nord aus betrachtet. So wie das Land Zamonien in den Büchern von Walter Moers. Die Kinder sitzen hier im "Haus Babylon", einem Sozialprojekt, untergekommen in einem dreigeschossigen DDR-Bau, von dem die Leiterin sagt, er sei "sanierungsbedürftig". In den nächsten zwei Stunden fällt dann auch fünfmal der Strom aus. Katja Franckowiak, die Klassenlehrerin, sagt, dass von den Kindern niemand Vegetarier oder Veganer sei. Dafür seien von den Eltern rund 70 Prozent Hartz-IV-Empfänger.
Tiere sind in Hellersdorf-Nord nicht die einzigen Lebewesen mit Problemen, heißt das wohl. Warum ist die Klasse überhaupt hier? "Ich wollte ja nur einen Raum für den Kinderfasching buchen", sagt Franckowiak. Dann habe man sie gefragt, ob die Klasse an einem "Veganen Projekttag" teilnehmen könnte. "Von einem Tierschutzvortrag war nie die Rede", sagt Franckowiak und rollt die Augen.
Zum Glück wird gekocht. "Hokkaidokürbiscremesuppe, Mangolassi und Spaghetti bolognese mit Soja", sagt Björn Moschinski, der mit Dreadlocks, Kopftuch, Koteletten aussieht wie ein RTL-Fernsehkoch, und der den Ernährungszeitgeist von Berlin-Mitte nach Hellersdorf-Nord trägt.
Der Zeitgeist heißt: Bewusstsein. Früher aß man in Deutschland eher unbewusst und unpolitisch. Essen war keine Gewissensentscheidung. Wichtig war, dass genug da war. Heute soll Essen gesund sein oder biologisch oder vegetarisch oder vegan. Je nachdem. Sag mir, wo du stehst.
"Essen heißt eine Entscheidung treffen", meint Moschinski. Die Frage ist nur: Wann fängt man damit an? Die Kinder gehen in die dritte Klasse. Sie halten "Vegan" für ein Land.
"Man kann sogar noch früher anfangen", sagt Moschinski und wischt die Hände an seiner Kochschürze trocken, auf der "Vegan Head Chef" steht. "Meine Nichten sind auch Veganer." Wie alt sind die? "Fünf und sieben", sagt Moschinski. Dann erzählt er von seinem Restaurant in Mitte, den Weinen, der Innenarchitektur, dem Lichtkonzept. Währenddessen fällt im Haus Babylon der Strom aus.
Als die Soja-Bolognese und die Hokkaidokürbiscremesuppe fertig sind, essen die Kinder. Niemand beschwert sich. "Vegane Küche kann lecker sein", sagt Moschinski in die Runde. Es klingt wie eine Losung. Ein veganischer Merksatz für Hellersdorf-Nord.
Dann tippt ein Mann, Mitarbeiter im Haus Babylon, Moschinski auf die Schulter. "Woll'n Se vielleicht Kaffee?"
"Gern", sagt Moschinski.
"Mit Milch?", fragt der Mann.

Quelle: DER SPIEGEL 3/2012
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83588356.html