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Dienstag, 7. Mai 2013

Der Fall Hoeneß: Wurst und Moral

Da waren sie auf einmal alle schockiert. Selbst Bundesmutti Merkel ließ über ihren Pressesprecher mitteilen, sie sei von ihrem Amigo Uli Hoeneß "enttäuscht". Weil auch der sich in die Liste der korrupten, reichen Steuerhinterzieher einreiht. Dabei hätte doch klar sein müssen: Ein Mann, der mit dem Leid, Tod und der grausamen Ausbeutung von Tieren Geschäfte macht, von dem darf man auch sonst kein moralisches Verhalten erwarten. 

Unmoralische Wurst  Quelle: Tim Reckmann  / pixelio.de
Der große Wurstlobbyist und Präsident des Fußballvereins FC Bayern München, Uli Hoeneß, hat sich immer wieder gern als das moralische Gewissen der Republik aufgespielt. Und die konservativen Politiker, allen voran Horst Seehofer, haben ihn dafür geliebt - schließlich hat er aus seiner Nähe zur bayerischen Amigo-Partei CSU nie einen Hehl gemacht. Korruption war immer schon eine Kernkompetenz der CSU - die gerade ihren neuesten Skandal hat, um Landtagsabgeordnete, die ihre Familienmitglieder auf Staatskosten "beschäftigten" - wen wundert es da, dass auch Spezl Hoeneß korrupt gehandelt hat. Seine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe ist wohl kaum ein Zeichen später Reue, sondern viel mehr der Hoffnung auf Strafminderung geschuldet.

Nie bestraft wird Hoeneß in unserem "Rechtsstaat" dagegen für sein mörderisches Geschäft jenseits des Fußballs werden: Die Produktion von Würsten. Denn Mord an Tieren ist hierzulande - im Gegensatz zu Steuerhinterziehung - kein Verbrechen. Und Hoeneß hat immer klar Stellung bezogen gegen die Menschen, die das möglicherweise anders sehen. Jene Menschen, die sich erdreisten, keine Wurst zu essen: Vegetarier.

"Ich habe noch keinen Vegetarier gesehen, der gelacht hat. Die sind schlecht gelaunt, weil sie sich jeden Tag damit beschäftigen, was sie alles nicht essen sollen. Ich dagegen habe Spaß, weil ich dauernd daran denke, was ich alles essen kann", ließ der adipöse Choleriker laut Nordwestzeitung vor 750 geladenen Gästen in der  Cloppenburger Stadthalle verlauten. Und er polterte noch weiter: "Es ist noch niemandem gelungen, auch den Biofetischisten nicht, ein Schwein totzuschreien." Wer sich ohne Anlass zu solchen Aussagen hinreißen lässt, der zeigt, dass er ganz offensichtlich nicht mit sich im Reinen ist.

Es ist ein allgemein zu beobachtendes Verhaltensmuster, das jeder Vegetarier kennt: Wer mit Fleischessern am Tisch sitzt, muss sich ständig dafür rechtfertigen, was er NICHT isst. Das hat einen bestimmten Grund: Eine Studie, über die auch die Süddeutsche Zeitung berichtet hat, ermittelte, dass Fleischesser sich von Vegetariern moralisch angegriffen fühlen und diese deshalb anfeinden - selbst dann, wenn die Vegetarier ihre Ernährungsform überhaupt nicht thematisieren. Das ist ein uraltes Muster der Verdrängung: Andere schlecht machen, um sich selber besser zu fühlen, weil man insgeheim weiß, dass man eigentlich das eigene Verhalten ändern müsste. So entstand auch der unsäglich zynische Begriff  des "Gutmenschen". Ein Totschlagwort, mit dem Ziel, jegliches Nachdenken über eine ethisch verantwortungsbewusste Lebensweise ins Lächerliche zu ziehen.

Der Kampf gegen Menschen, die sich für Tiere und Umwelt einsetzen, ist ein Markenzeichen ausgerechnet der konservativen Parteien - die sich doch eigentlich für den Erhalt (conservare) der Mitwelt einsetzen müssten. Und da schließt sich der Kreis vom Wurstkönig zum CSU-Amigo Hoeneß. Dass man als Tierfreund bei den Konservativen keine guten Karten hat, musste auch schon die Österreichische Tierrechstsorganisation Verein gegen Tierfabriken erfahren. Die dortige konservative ÖVP weigert sich als einzige Partei vehement, den Tierschutz in die Verfassung aufzunehmen. Die Aktivisten um VGT-Obmann Martin Balluch wurden von der Österreichischen Justiz verfolgt und dem Vorwurf ausgesetzt, eine kriminelle Organisation zu sein - und später freigesprochen. Balluch wurde als einer von zehn Aktivisten im Zuge der sogenannten "Tierschutzcausa" über drei Monate in Untersuchungshaft genommen. Seine Erfahrungen darüber hat er in dem Buch "Tierschützer, Staatsfeind - in den Fängen von Polizei und Justiz" niedergeschrieben.

In Bayern zittert derweil Hoeneß vor der Justiz. Er allerdings nicht, weil er Tiere retten wollte, sondern vielmehr sein Geld vorm deutschen Steuerzahler. Letztlich bleibt da nur die Erkenntnis: Auch ein Wurstkönig ist nur ein armes, kleines Würstchen.

Freitag, 14. Dezember 2012

Philosophen zwischen Sein und Sollen


Oder: Warum Peter Sloterdijk sein Leben ändern muss


"Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen"
Albert Schweitzer ("Ehrfurcht vor den Tieren")

Von den Philosophen können sich die geschundenen Tiere in unserer Gesellschaft wohl am wenigsten Rettung erhoffen. Die Zunft der Denker schwadroniert zwar allzu gerne von Ethik und Moral, auch wenn es um das Verhältnis zwischen Mensch und Tier geht; wenn es aber konkret wird, entpuppt sich ihr Gerede leider viel zu oft als heiße Luft, entlarven sich ihre hehren Gedanken als leere Worthülsen.  

Foto: ulitie  / pixelio.de
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern." Der berühmte Satz von Karl Marx kommt mir unweigerlich in den Sinn, wenn ich an den Philosophen Peter Sloterdijk denke. Insbesondere wenn man davon ausgeht, dass jede Veränderung zunächst von  einem selbst ausgehen muss. Wie wollen wir Missstände anprangern, wenn wir selbst ein Teil davon sind?  "Wasser predigen und Wein trinken" ist noch so eine bekannte Redewendung, die gut auf Sloterdijk anwendbar ist - wobei es hier überhaupt nicht um alkoholische Getränke geht. In diesem Fall müsste es heißen: "Tierrechte predigen und Fleisch essen."

Denn Sloterdijk ist ein durchaus profilierter Kopf in Sachen Tier und Mensch. Als Schirmherr der "Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt" stellt sich  der Kulturwissenschaftler in die erste Reihe einer Bewegung, die sich die Förderung der Tierrechte auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Tierethik im weiteren Sinne hat eine lange Tradition in der Ideengeschichte. Schon der berühmte antike Philosoph und Vorsokratiker Pythagoras (etwa 582 - 496 v. Chr.) stellte die Frage: "Wer mit dem Messer die Kehle eines Rindes durchtrennt und beim Brüllen der Angst taub bleibt, wer kaltblütig das schreiende Böcklein abzuschlachten vermag und den Vogel verspeist, dem er selbst das Futter gereicht hat - wie weit ist ein solcher noch vom Verbrechen entfernt?".

Der Kosmopolit Plutarch (45 – 120 n. Chr.) schreibt: "Könnt ihr wirklich die Frage stellen, aus welchem Grunde sich Pythagoras des Fleischessens enthielt? Ich für meinen Teil frage mich, unter welchen umständen und in welchem Geisteszustand es ein Mensch das erste Mal über sich brachte, mit seinem Mund Blut zu berühren, seine Lippen zum Fleisch eines Kadavers zu führen und seinen Tisch mit toten, verwesenden Körpern zu zieren, und es sich dann erlaubt hat, die Teile, die kurz zuvor noch gebrüllt und geschrieen, sich bewegt und gelebt haben, Nahrung zu nennen. (...) Um des Fleisches willen rauben wir ihnen die Sonne, das Licht und die Lebensdauer, die ihnen von Geburt an zustehen."

Der englische Philosoph und Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham (1748 – 1832), formulierte als einer der ersten Befürworter von Tierrechten den entscheidenden Satz: "Die Frage hat für die Menschheit nicht zu lauten: Können die Tiere denken? Sondern sie muss zu lauten: Können die Tiere leiden?"


Als wichtigster Vertreter der zeitgenössischen Tierrechtsbewegung ist wohl der australische Philosoph Peter Albert David Singer zu nennen. In seinem 1975 verfassten Werk "Animal Liberation" (Die Befreiung der Tiere), das zu einem Klassiker der Tierrechtsbewegung wurde, beschreibt er die Diskriminierung und Ausbeutung von Tieren durch den Menschen aufgrund ihrer Spezieszugehörigkeit (Speziesismus).  Singer wird als Mitbegründer der modernen Tierethik angesehen. 

"Er schaut sich alles an, auch die allerunangenehmsten Sonderfälle, und lässt sich auf Dinge ein, an denen sich andere Leute vorbeischummeln, um sich ein harmloseres Weltbild bewahren zu können", sagt Sloterdijk über Singer in einem Interview mit der österreichischen Zeitung der Standard. Auf die simple Frage, "sind Sie Vegetarier?" antwortet er: "Nein. Aber wir schränken den Fleischkonsum ein wenig ein."  Ein einfaches und ehrliches "Nein" hätte es auch getan. Den Fleischkonsum "ein wenig einschränken" – das ist also die wegweisende Antwort des großen Philosophen Sloterdijk auf die Tierrechtsfrage. Noch vor über zehn Jahren prognostizierte er, dass die jüngeren Menschen in der Bevölkerung sich gegen die Tiermisshandlungen der industriellen Fleischproduktion wenden würden. Aber wie kann man  Hoffnungen auf andere richten, wenn man selbst nichteinmal dazu bereit ist, sein Leben entsprechend zu ändern?

Ausgerechnet "Du musst dein Leben ändern" lautet eines seiner Essays. Peter Sloterdijk, hiermit fordere ich dich auf: Fang bei dir selbst an, ändere dein Leben! Dann kannst du auch Interviewfragen offen und ehrlich beantworten. Für den Anfang: Ändere deine Ernährungsgewohnheiten, höre damit auf, Tiere zu essen. Du musst es nur wollen – das ist der Weg vom  Sollen zum Sein. 

Verdrängungskünstler

Ähnlich inkonsequent wie Sloterdijk laviert sich der Philosoph Robert Spaemann im Gespräch mit Richard David Precht durch die Tierrechtsthematik. So hält er es zwar für "verwerflich und unmoralisch, Tieren absichtlich Leid zuzufügen", im selben Atemzug aber hält er es für gerechtfertigt, Tiere zu töten ("weil Tiere keine Biographie haben"). Genau damit fügt er aber dem Tier vermeidbares Leid zu. Seine revolutionäre Konsequenz aus dem Umstand der vorherrschenden grausamen Massentierhaltung: "Ich esse nicht mehr jede Form von Fleisch". Auf diesen Minimalkonsens könnte sich wohl jeder Fleischesser einigen, denn wer isst schon "jede Form von Fleisch". Dann wiederum meint er, Menschen dürften immerhin keine Primaten töten. Weil die doch recht schlau seien. Es komme aber nicht auf die Intelligenz, sondern auf die Leidensfähigkeit eines Lebewesens an, hält ihm Precht entgegen.  Da flüchtet sich Spaemann in stumpfen Speziesismus: Allein die Tatsache Mensch zu sein, nicht Vernunft oder Leidensfähigkeit, entscheide, ob ein Lebewesen getötet werden darf oder nicht. Dann gibt er zu, dass jede Tötung mindestens einen Augenblicksschmerz verursacht. Es bleibt letztlich bei einem vagen "es kommt immer darauf an", so das erschreckend nichtssagende Fazit des Philosophen Spaemann. Mal sagt er so, dann wieder so, Tiere töten ist irgendwie schlecht, aber dann auch wieder irgendwie nicht, er biegt sich die Welt immer so zurecht, wie es ihm gerade passt. 

Precht bilanziert daraufhin: "Es ist unserer Verdrängungskunst geschuldet, dass es nicht mehr Vegetarier gibt". Und weiter: "Das, was unter der Decke stattfindet, das Treiben in den Schlachthäusern ist eine Grausamkeit, ein industrieller Tiertod unvorstellbaren Ausmaßes, viel brutaler als in den Zeiten des Barock. Wenn wir das tagtäglich vor Augen geführt bekommen, würden wir entweder wieder verrohen oder wir würden sofort sagen: Das muss alles abgeschafft werden!" Es scheint, dass auch die Philosophen wahre Meister in der Kunst des Verdrängens sind. Hauptsache der eigene alteingefahrene Lebensstil wird nicht hinterfragt. Und selbst Precht gesteht, seine Predigten nicht konsequent zu praktizieren: Denn "dann wäre man nicht nur Vegetarier, sondern Veganer" - und das ist auch dem lederschuhtragenden Moralisten zu anstrengend.


Die heutigen Mainstream-Philosophen scheinen unfähig, brauchbare Antworten auf drängende Probleme unserer Zeit zu finden – zugunsten der eigenen Bequemlichkeit. Von der Vorbildfunktion ganz zu schweigen. Bleibt die Frage: Wofür brauchen wir sie eigentlich, die Philosophen?




Dienstag, 20. November 2012

96-jähriger Vegetarier wird Vater

Der Inder Ramajit Raghav ist im Alter von 96 Jahren zum zweiten Mal Vater geworden. Die 52-jährige Frau des Bauern aus Nordindien brachte im Oktober 2012 einen Sohn zur Welt. Seine rekordverdächtige Potenz begründet der Mann damit, dass er sich sein Leben lang vegetarisch ernährt und keinen Alkohol trinkt.

Ramajit Raghav mit Frau und Kind. Foto: Rex
Dass eine fleischfreie Ernährung nicht nur besser für Umwelt und Tiere, sondern auch gut für Gesundheit und Potenz ist, zeigt der Fall des 96-jährigen Rekordhalters aus Nordindien eindrucksvoll. Bereits zwei Jahre davor sei der Bauer aus der Nähe der Hauptstadt Neu-Delhi weltweit ältester Vater eines Neugeborenen geworden. Auch damals brachte seine Frau einen gesunden Jungen zur Welt.

Und Ramahit Raghav hat einen zweiten Rekord gebrochen: Wie die Times of India berichtet, ist er nun auch der älteste Poster Boy der Tierrechtsorganisation Peta geworden. Peta stellt auf der Seite www.peta.xxx die Vorzüge von Gemüse für das Liebesleben dar: So kurbelt etwa Spargel die Hormonproduktion an und die Karotte - dank ihres hohen Gehalts an Vitamin A - die Spermienproduktion.

Der Times of India schilderte der jungebliebene Greis seinen Alltag so: "Ich stehe morgens um fünf Uhr auf und gehe abends vor acht Uhr ins Bett. Tagsüber arbeite ich auf dem Feld und halte ein bis zwei Stunden lang Mittagsschlaf."

Wie kein anderes Land der Welt ist Indien für seine vegetarischen Traditionen bekannt, nirgendwo gibt es mehr Vegetarier. Fleisch wird auf dem Subkontinent (noch) wesentlich weniger konsumiert, als in westlichen Gesellschaften. Während die indischen Muslime oftmals Fleisch essen, verzichten viele Hindus ganz darauf. Viele indische Schriften fordern das Prinzip der Gewaltlosigkeit gegenüber Tieren. Einen konsequenten Vegetarismus praktizieren die Anhänger des Jainismus, einzelne Richtungen des Hinduismus sowie manche Buddhisten. Die Sikhs lehnen den Konsum von Rindfleisch strikt ab. Pflanzenöle sind  als Bratfette zudem verbreiteter als tierische Fette.

Lakto-vegetarisch ernähren sich die Yoga-Praktizierenden und die Vaishnavas, die Verherer Vishnus. Diese schreiben dem Konsum von toten Tieren schlechte Auswirkungen auf den Bewusstseinszustand und den Charakter des Menschen zu. Fleischhaltiges Essen wird demnach der Guna Tama zugeordnet, dem Eigenschaftstypus der Trägheit und Verwirrung. Fleischnahrung bringe schlechtes Karma und wird daher als Hindernis auf dem Weg zu Reinigung und Erlösung gesehen. Etwa 43 Prozent der religiösen Inder geben an, sich vegetarisch zu ernähren. Bei den nicht-religiösen Hindus liegt der Anteil nur bei 28 Prozent.

Wie in wohl keinem anderen Land der Welt gibt es in Indien sogar vegetarische McDonalds-Filialen. Die Zukunft des weitverbreiteten Vegetarismus in Indien ist allerdings gefährdet. Für die rasch wachsende indische Mittelschicht wird Fleischkonsum immer wichtiger - als Statussymbol, weil viele armen Inder sich Fleisch gar nicht leisten können. 


Samstag, 4. August 2012

So betrügt die Lebensmittel-Mafia

Foodwatch klagt an: Gelatine im Saft, Schweineborsten in der Brotherstellung, Milchzucker für Veganer. Die Lebensmittel-Industrie betrügt Verbraucher in großem Stil. In vermeintlich "vegetarischen" Lebensmitteln versteckt sie tierische Bestandteile ohne Kennzeichnung auf der Zutatenliste.

Foto: Foodwatch
Recherchen der Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch zeigen, dass die Lebensmittel-Mafia Verbraucher in einem schockierenden Ausmaß betrügt. Wer sich tierfrei ernähren will, wird an allen Ecken und Enden hintergangen. "Ohne Deklarationspflicht kommen tierische Bestandteile als Trägerstoffe von Aromen und Vitaminen in Lebensmittel", erklärt Foodwatch: "Zum Beispiel befindet sich in den Multivitaminsäften Valensina und hohes C (Eckes Granini) Gelatine als Träger von zugesetzten Vitaminen, wie die Hersteller auf Anfrage bestätigten." Auch der  Chips-Produzent funny-frisch habe auf Anfrage angegeben, "dass weite Teile seines Sortiments tierische Bestandteile enthalten, je nach Sorte Wild, Fisch, Geflügel, Rind oder Schwein."

Das Problem ist eine Gesetzeslücke: Die tierischen Produkte müssen in der Zutatenliste nicht aufgeführt werden. So macht es der Gesetzgeber Verbrauchern quasi unmöglich, tierische Produkte in Lebensmitteln zu vermeiden. "Das ist eine Zumutung für Vegetarier und Veganer, aber auch für alle anderen Verbraucher, die gerade bei tierischen Lebensmitteln bewusste Kaufentscheidungen treffen, den Konsum reduzieren wollen oder nur bestimmte Formen der Tierhaltung unterstützen möchten", sagt Foodwatch-Mitarbeiter Oliver Huizinga. Die Organisation hatte über Facebook zahlreiche Hinweise von Verbrauchern über Produkte mit versteckten Tieren enthalten und daraufhin eine eigene Recherche gestartet.


Die bisher identifizierten Produkte:

  • Chips von Funny Frisch: Fisch, Schwein, Wild, Kalb und Geflügel gelangen in Form von Aromen in die Chips. In den meisten Fällen ohne entsprechende Kennzeichnung.
  • Frischkäse von Rotkäppchen und Bresso, Quark von Milram: Hier ist Gelatine drin, die aus Schweinhaut erzeugt wird.
  •  Ritter Sport Schokolade Marzipan und Halbbitter: Diese Sorten empfiehlt der Schokoladen-Hersteller ausdrücklich Veganern, da sie angeblich "keine Milchbestandteile" enthalten. Falsch: Die Sorten enthalten Spuren von Milchzucker, da die Sorte indenselben Produkionslinien hergestellt wird, die auch Milchschokolade produzieren.
  •  Katjes Yoghurt Gums: Katjes produziert Fruchtgummis mit und ohne Gelatine. Foodwatch erhielt auf wiederholte Nachfrage keine Antwort, ob bei Letzteren Verunreinigungen mit Gelatine auszuschließen seien. Keine Antwort ist auch eine Antwort.
  • Mutltivitaminsäfte von Hohes C und Valensina: Hier wird Gelatine als Trägerstoff für Vitamine eingesetzt. Aus dem Zutatenverzeichnis der Säfte geht das nicht hervor.
  • Orange-Ananas-Saft von Valensina: Auch hier ist Gelantine drin.
  • Maggi Tomatensuppe von Nestlé: In dieser Tomatensuppe ist Speck drin. 
Bestandteile von Tieren kommen zudem bei technischen Hilfsstoffen zum Einsatz, ohne dass dies für Konsumenten ersichtlich wäre. So verwenden einige Produzenten etwa Gelatine zum Klären von Wein  und Saft. Bäckereien verwenden Aminosäure L-Cystein, die aus Schweineborsten oder Federn gewonnen wird, um das Mehl knetbarer zu machen.

Foodwatch fordert deshalb eine gesetzliche Klarstellung mit der Transparenz und Wahlfreiheit erreicht werden soll. Verbraucher können die Forderungen von Foodwatch  mit einer E-Mail-Aktion an Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner unterstützen


Die Forderungen von Foodwatch im Wortlaut:

"1.   Wo Zutaten oder Verarbeitungshilfsstoffe tierischen Ursprungs eingesetzt werden, muss dies deutlich erkennbar sein. Das gilt auch für tierische Bestandteile in Aromen, Zusatzstoffen und technischen Hilfsstoffen, die während des Produktionsprozesses zum Einsatz kommen. Wer vollständig auf Zutaten tierischen Ursprungs verzichten möchte, muss die Möglichkeit dazu haben.
2.   Die Begriffe 'vegan' und 'vegetarisch' müssen wie folgt rechtlich definiert werden:
• Vegetarisch: Ohne Zutaten, die von einem toten Tier stammen, hergestellt (Ovo-Lacto-Vegetarismus) – erlaubt sind Ei- und Milchprodukte
• Vegan: Ohne tierische Lebensmittel (einschließlich Milch- und Eiprodukte) hergestellt
Wird ein Produkt ausdrücklich als 'vegan' oder 'vegetarisch' ausgelobt oder beworben, muss der Hersteller auch jegliche Kreuzkontamination ausschließen können."

Sonntag, 29. Juli 2012

Marathonläufer Mark Hoffmann: "Vegane Ernährung ist die Abkehr vom Extremen"

"Laufen gegen Leiden" lautet das Motto des 35-jährigen Marathonläufers Mark Hoffmann. Der Veganer setzt seine Energie dafür ein, auf das Unrecht und Leid aufmerksam zu machen, das den Tieren täglich angetan wird - in einer Gesellschaft, die an ihrer Doppelmoral krankt. Hoffmann will Vorbild für einen verantwortungsbewussten Lebensstil sein, ohne andere dabei zu missionieren.

Marathonläufer Mark Hoffmann
"Es dauerte knapp bis vor einem Jahr als mich nach dem Konsum meiner letzten fleischhaltigen Mahlzeit ein starkes Gefühl des Ekels und der Schuld überkam. Ich erkannte plötzlich, dass ich Teil von etwas Furchtbarem war und dies nie wieder sein wollte", beschreibt Hoffmann seine Abkehr von der tierischen Ernährungsweise: "Ich sah mich konfrontiert mit dem gesammten Elend und Leid dieser Welt und hundertausend Augen sahen mich an. Und ich war völlig nackt und hatte zu meiner Verteidigung nichts zu sagen."

Noch immer glauben viele, vegane Ernährung würde zwangsläufig zu Mangelerscheinungen führen. Dass dem nicht so ist, dass tierfreie Ernährung sogar förderlich zur Erlangung sportlicher Höchstleistungen sein kann, hat schon Patrik Baboumioan bewiesen, Gewinner der "Strongman-Meisterschaften" 2011 und damit "stärkster Mann Deutschlands". Wie Hoffmann setzt sich auch Baboumian öffentlich für die Rechte der Tiere und eine vegane Ernährung ein.

In einem Spiegel-Interview erklärt Hoffman, warum eine vegane Ernährung nicht "extrem" ist, wie die Frage des Journalisten suggeriert, sondern das genaue Gegenteil: "Ich finde es viel extremer, Tiere genetisch zu optimieren und unter Drogen gesetzt in enge Boxen einzupferchen. Tierversuche, Massentierhaltung - das ist extrem." Allerdings wolle er niemanden missionieren: "Das löst bei vielen den gegenteiligen Effekt aus. Ich lebe lieber vor und hoffe auf Nachahmer."

Hoffmann läuft gegen die vorherschende Gleichgültigkeit und die Doppelmoral, die es ermöglicht, dass Milliarden Tiere unter katastrophalen Bedingungen gehalten und misshandelt werden. Ihm geht es darum, "auf die schrecklichen Dinge hinzuweisen, vor denen ich selbst jahrelang den Kopf in den Sand gesteckt habe". Das erfordert eine Auseinandersetzung mit "der industriellen Massentierhaltung und deren abscheulichen Erfindungen und Praktiken. Mit dem Schulterzucken der Pelzträger. Mit der Doppelmoral welche es gesellschaftlich ächtet, einem Hundewelpen ins Gesicht zu treten, aber gleichgültig der Tatsache gegenübersteht, dass männliche Küken in Fabriken mit Schaufeln in überdimensionale Schredder geschippt werden. Mit der Entrechtung von Tieren."
  
Hoffmanns nächstes Projekt ist ein Spendenmarathon am 28. Oktober 2012 in Frankfurt am Main zugunsten von Seashepherd. Die Tierschutzorganisation setzt sich dafür ein, "die Zerstörung der Lebensräume und das Abschlachten der Tiere in den Weltmeeren zu beenden, um die Ökosysteme und Spezies nachhaltig zu schützen und zu erhalten". 

In der Zeit von 17. bis 20. Mai 2013 soll der "Staffellauf B12" folgen - ein Ultramarhonlauf entlang der 440 Kilometer langen Bundesstraße 12. Ausschließlich vegane Läufer sollen die jeweils 50 Kilometer langen Streckenabschnitte in gleichstarken Gruppen absolvieren. 

Samstag, 9. Juni 2012

Stärkster Mann Deutschlands ist Veganer

Der Leistungssportler und Veganer Patrik Baboumian darf sich seit seinem Sieg bei den "Strongman-Meisterschaften" im August 2011 offiziell der "stärkste Mann Deutschlands" nennen. Er ist der Beweis, dass Kraft - entgegen gerne verbreiteter Klischees - nichts mit Fleischkonsum zu tun hat.

"Die stärksten Tiere der Welt sind Pflanzenfresser: Büffel, Gorillas, Elefanten und ich". Mit diesem Slogan wirbt Baboumian für die Tierrechtsorganisation Peta. 200 Kilo kann er über seinen Kopf stemmen. "Ich bin ein Mensch, der sehr schlecht mit Widersprüchen in seinem eigenen Verhalten klarkommt", begründet der Psychologie-Student, der sich selbst als tierlieb bezeichnet, seinen Verzicht auf Fleisch.

Nach seiner Ernährungsumstellung ist er nicht etwa schwächer, sondern sogar stärker geworden:  "Aus einem ganz einfachen Grund: Fleisch ist eine riesige Belastung für den Stoffwechsel". Ohne Fleisch sei man in der Lage, mehr von den Sachen zu essen, die den Körper weniger belasten. Die nötigen Kalorien holt sich der Potsdamer gerne auch im veganen Restaurant des Berliner Kochs Björn Moschinski, mit dem er befreundet ist.

Über seinen Alltag als Sportler, seine Ernährung und den Bruch mit der tierverarbeitenden Industrie, die Tiere als Ware ansieht und versklavt, sprach der Veganer am 8. Juni 2012 in der NDR-Talkshow:
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_talk_show/videos/ndrtalkshow1433.html

Mittwoch, 28. März 2012

Ein Gentleman isst keine Tiere

"Uns steht das Wasser bis zum Hals! Fleischessen zerstört das Klima" - mit diesem Slogan wirbt der Reggaemusiker Tilmann Otto alias Gentleman in einer Kampagne der Tierschutzorganisation Peta für eine bewusstere Ernährung:

"Ich bin Vegetarier, weil es tausend und mehr Gründe dafür gibt und einer davon ist, dass die Fleischindustrie vielmehr Treibhausgase ausschüttet, als der gesamte Verkehr auf der ganzen Welt. Ein Steak braucht tausend Liter Wasser", erklärt der Musiker.


Foto: Nela König für PETA 

Peta schreibt zu der Kampagne: "Dass das Essverhalten stark den Klimawandel beeinflusst, belegen u.a. Studien der UN Welternährungsorganisation (FAO), des World Watch Institutes oder des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sowie der Bericht des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) von 2008. Allein in einem Kilogramm Rindfleisch stecken so viele Emissionen wie in einer Autofahrt von 250 km Länge".

Zu seiner Motivation, sich an der Kampagne zu beteiligen, erklärt Tilmann Otto, der erst seit zwei Jahren vegetarisch lebt: "Als Fleischesser verdrängst du ja die ganzen Informationen, in dem Moment wo du es an dich heranlässt, kannst du ganz anders darüber reden. Ich wusste zum Beispiel überhaupt nicht, wieviel Wasser Fleisch braucht. Es tut mir leid, dass ich 35 Jahre Fleisch gegessen habe."



Link zu der Kampagne:
http://www.peta.de/gentleman

Mittwoch, 21. März 2012

Agentur Scholz & Friends macht sich über Schwule und Vegetarier lustig

"Tofu ist schwules Fleisch" - mit diesem Menschen- und Tierverachtenden Slogan macht sich die Werbeagentur Scholz & Friends gleich über zwei Randgruppen lustig: Schwule und Vegetarier. 

"Vielleicht sollte es lustig sein, vielleicht provokant. Am Ende war es aber nur peinlich, das Motiv, das sich in paar Kreative der Werbeagentur Scholz & Friends als Steakhausketten-Reklame ausdachten", schreibt Spiegel Online. Weiter heißt es in der Meldung: "Das homophobe Fleischmotiv war Teil einer machohaften Kampagne, die sich die Werber für die Kette Maredo ausgedacht hatten. Ein anderes Motiv ist: "Wenn man Tiere nicht essen soll, warum sind sie dann aus Fleisch?"
Tja, dasselbe könnten sich die Werbe-Wirrköpfe auch selbst fragen, sie sind ja vermutlich auch aus Fleisch. Hätten sie auf der Speisekarte von Maredo gestanden, wären der Welt zumindest zwei so überflüssige wie zynische Werbesprüche erspart geblieben.

Der kreative Durchfall von Scholz & Friends fand übrigens keine werbliche Verwendung: "Drei Jahre schlummerte das nie irgendwo eingesetzte homophobe Fleischmotiv in den Tiefen des Internets - man kann es beispielsweise noch in einem Blogeintrag zur Preisverleihung finden - und niemand regte sich auf. Bis es am vergangenen Dienstag plötzlich für Bewegung im Internet sorgte. Der Tofu-Spruch wurde schnell zu einem PR-Problem für die Steakhauskette." Bleibt zu hoffen, dass dieses "PR-Problem" eine nachhaltige Wirkung entfaltet.

Link zum Artikel:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,822755,00.html

Samstag, 4. Februar 2012

Studie: Fleischesser feinden Vegetarier an

Eine Erfahrung, die wohl jeder Vegetarier schon häufig machen musste, wird nun offiziell in einer Studie belegt: Fleischesser fühlen sich von Vegetariern moralisch angegriffen und feinden diese deshalb an - selbst dann, wenn die Vegetarier ihre Ernährungsweise überhaupt nicht thematisieren.  

Fleischesser sind Meister der Verdrängung, und anstatt sich mit den eigenen Widersprüchen zu befassen (der Klassiker: liebt sein Haustier, hat aber kein Problem mit dem täglichen anonymen Schnitzel), ist es eben einfacher Vegetarier anzufeinden oder sich über sie lustig zu machen. Dieses Verhalten zeigt, dass Fleischesser offenbar - bewusst oder unbewusst - doch nicht so ganz von der Richtigkeit ihres Lebensstils überzeugt sein können. Andererseits würden sie wohl souveräner gegenüber Vegetariern reagieren.


Psychologie und Ernährung: Warum Fleischesser Vegetarier anfeinden

Süddeutsche Zeitung, vom 03.02.2012

Von Sebastian Herrmann
 
"Kommt zu Tisch, das Essen wird welk": Viele Menschen reagieren auf Vegetarier wie auf Angehörige eines exotischen Volksstammes, die erst bestaunt und dann lächerlich gemacht werden. Psychologen haben eine ganze Reihe Erklärungen für Vegetarierwitze und andere Abwehrreaktionen der Fleischesser. 

Wie nennt man einen dicken Vegetarier? Biotonne. Und was sagt ein Vegetarier, der seine Familie zu Tisch ruft? "Kinder, das Essen wird welk." Im Internet sprießen Vegetarierwitze wie diese. Und in den immer gleichen Diskussionen, in denen Menschen, die kein Fleisch essen, ihre Entscheidung rechtfertigen müssen, fällt in aller Regel ein Spruch wie dieser: "Ich mag Vegetarier nicht, die essen meinem Steak das Essen weg." Warum aber reagieren viele Menschen auf Vegetarier wie auf Angehörige eines bislang isoliert lebenden Volksstammes, die erst bestaunt und dann lächerlich gemacht werden?
Julia Minson von der Universität Pennsylvania und Benoît Monin von der Universität Stanford bieten eine Erklärung an (Social Psychological and Personality Science, Bd. 3, S. 200, 2012). Fleischesser hätten oft das Gefühl, dass Vegetarier sie moralisch verurteilten und fühlten sich zu schlechten Menschen degradiert. Und Attacken auf ihr positives Selbstbild wehren Menschen ab, indem sie Angreifer lächerlich machen.

Ihren Exotenstatus haben Vegetarier eigentlich längst eingebüßt. In Deutschland verzichten heute bis zu sechs Millionen Menschen auf Fleisch und befolgen eine der unterschiedlich strengen Formen des Vegetarismus. Die Mehrzahl habe sich aus ethischen Gründen zu diesem Schritt entschieden, schreiben die Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann und Markus Keller in ihrem Buch "Vegetarische Ernährung". Sie lehnen die Tötung von Tieren ab oder wollen vermeiden, dass die Umwelt etwa durch Klimagase aus der Viehzucht belastet wird. 

Diese Haltung qualifiziere Vegetarier zum Status einer Minderheit, deren moralischer Anspruch über den der gesellschaftlichen Mehrheit hinausweise, argumentieren Minson und Monin. Deshalb müssen Vegetarier nicht einmal penetrant mit ihrer Entscheidung hausieren gehen, um bei Fleischessern Abwehrreaktionen auszulösen. Schon ein stummer Vegetarier stellt einen impliziten moralische Vorwurf dar, auf den Menschen hochsensibel reagieren.

Das zeigte sich in zwei Studien von Minson und Monin. Sie baten ihre Probanden - alles Menschen, die Fleisch essen - sämtliche Begriffe zu notieren, die ihnen zu Vegetariern in den Sinn kamen. Knapp die Hälfte der Teilnehmer nannte vor allem negative Begriffe wie "arrogant", "nervig" oder "selbstgerecht". Anschließend baten die Psychologen sie um ihre Einschätzung, wie Vegetarier Fleischesser moralisch bewerten. Wer zuvor negative Begriffe genannt hatte, fühlte sich auch eher durch Vegetarier abgewertet, weil er Fleisch aß. In ihrem zweiten Versuch drehten die Psychologen den Spieß um. Nun ging es zuerst um das Bild, das Vegetarier von Fleischessern haben könnten und fragten dann nach Assoziationen. Damit stellten sie den Angriff auf das moralische Selbst quasi in den Raum - und nun ergab sich ein noch dunkleres Bild als zuvor.

Konflikte durch das Fleisch-Paradoxon

Auch Psychologen um Brock Bastian erkundeten kürzlich, weshalb sich Fleischesser implizit angegriffen fühlen könnten (Personality and Social Psychology Bulletin, online). Die Forscher von der Universität Queensland analysierten die innere Rechtfertigung, durch die Menschen mit dem sogenannten Fleisch-Paradoxon zurechtkommen: Warum genießen Menschen Fleisch und empfinden gleichzeitig Zuneigung zu Tieren? Grundsätzlich werden Tier und Steak in der Vorstellung getrennt.
Bastian zeigte nun, dass es vielen Menschen als gerechtfertigt erscheint, Tiere zu essen, wenn deren geistige Fähigkeiten als sehr gering gelten. Nun sind zum Beispiel Schweine bekanntermaßen sehr schlaue Tiere. Doch das können Fleischesser laut Bastian verdrängen und sich weiter als gute Menschen fühlen, wenn sie ein Schnitzel auf dem Teller haben - außer ein Vegetarier isst neben ihnen seinen panierten Sellerie.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-und-ernaehrung-warum-fleischesser-vegetarier-anfeinden-1.1274443

 

Donnerstag, 26. Januar 2012

Tiere sind auch nur Menschen

Ein wegweisendes Essay von Iris Radisch aus der Zeit vom 12.08.2010, das den Argumenten unverbesserlicher Fleischesser mit überzeugenden Argumenten den Wind aus den Segeln nimmt.

Wer darf wen töten und warum? Es gibt keine ethische Begründung für die Schlachthäuser. Ein Plädoyer für den Vegetarismus

Wer darf wen töten und warum? Es gibt keine ethische Begründung für die Schlachthäuser. Ein Plädoyer für den Vegetarismus
Die alles entscheidende Frage, dürfen wir Tiere töten, um ihre Leichen zu essen, haben wir seit Ewigkeiten beantwortet. Vielleicht nicht mit dem Kopf, aber doch mit den Zähnen. Der Tieresser steht auf der Siegerseite der Evolution. Er ist der König der Nahrungskette.

Ausgiebiger Fleischgenuss signalisierte lange Zeit Wohlstand, und Wohlstand signalisierte soziale Integration. Je bedeutender der Mensch, desto größer die Fleischportion auf seinem Teller. Vegetarismus hingegen war eine Lebensweise mit dem zweifelhaften Odium einer sektiererhaften Marotte. Sie berief sich zwar gelegentlich auf eine ferne antike Überlieferung (die Orphiker und die Pythagoräer waren Vegetarier), entstand aber im fleischessenden Abendland recht eigentlich erst in den unübersichtlichen Umtrieben der Lebensreformbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts, die ihrerseits eine politisch unzuverlässige, teils radikaldemokratische, teils völkische, in jedem Fall widerspenstige und anarchische Reaktion auf die Zwänge der beginnenden Industrialisierung war.

Der Vegetarier war ein Sonderling, ein Außenseiter der Gesellschaft. An ihm haftete der Makel, sich einem zentralen Übereinkommen des vernünftigen Zusammenlebens zu widersetzen. Wer nicht wie alle anderen Fleisch aß, war womöglich auch sonst zu nichts Ordentlichem zu gebrauchen. Zahlreich waren die Anekdoten, die das berufliche Missgeschick dieses oder jenes Großonkels auf die in meiner Familie seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen, zurückführten.

Das alles scheint lange her zu sein und ist doch erst seit Kurzem vorbei. Heute ist der Vegetarismus in jedem Sinn in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vegetarische Speisegaststätten gibt es überall in den Innenstadtvierteln, in Berlin hat soeben die erste vegetarische Mensa eröffnet. Es gibt viele Intellektuelle und Künstler, die sich für den Vegetarismus einsetzen. Und es gibt einen Vegetarismus-Chic in den besseren Kreisen. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat gerade ein sehr erfolgreiches und viel diskutiertes Buch veröffentlicht, das uns in schönster Offenheit dazu auffordert, am besten keine und am zweitbesten weniger Tiere zu essen. Alles schön und gut. Bleibt nur noch die Frage, ob wir Tiere überhaupt töten dürfen.

Normalerweise werben die Vegetarier für ihre Lebensart, indem sie den Fleischessern die gesundheitlichen Nachteile ihrer Ernährungsweise mahnend vor Augen halten. Dazu zählen die vielen Herz- und Krebsleiden, die Übertragung von Viren und Giftstoffen, die Gefahr, an Osteoporose, Gicht, Rheuma, Bluthochdruck, Adipositas und so weiter zu erkranken. Das alles ist bedenkenswert. Für die Frage nach unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen, sind diese luxuriösen Diskussionen um die möglichen Zuwachsraten unseres ohnehin bereits beträchtlichen leiblichen Wohlergehens aber unerheblich.

Das gilt auch für den noch viel gewichtigeren Trumpf in der Hand der Vegetarier: die ungeheuere Belastung der Erde durch die Treibhausgasemissionen, die durch die Massentierhaltung entstehen. Gerade veröffentlichte das unabhängige Washingtoner Worldwatch Institute seine jüngsten Messungen, nach denen die Massentierhaltung nicht nur wie bisher angenommen für 18 Prozent, sondern sogar für über 50 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Fleisch essen ist schlimmer als Auto fahren.

Von dem unverantwortlichen Wasserverbrauch, der unwirtschaftlichen Vernichtung von Anbaufläche, der Rodung der Wälder zur Vermehrung von Weideflächen noch gar nicht zu reden. Niemand bezweifelt diese für unsere Überlebensaussichten äußerst betrübliche Diagnose. Sie ist ein starkes Argument für eine drastische Senkung des Fleischkonsums. Doch erspart auch sie uns nicht die alles entscheidende Frage, die man auch unseren ökologisch korrekten Urahnen hätte stellen müssen: Wer darf wen töten und warum?

Die Entscheidung ist bereits gefallen. Der Mensch genießt das Recht auf leibliche Unversehrtheit. Das Recht des Tieres, das wir ihm einräumen, besteht demgegenüber darin, vor dem Zerstückelt- und Ausgenommenwerden durch einen Metallbolzen, der ihnen den Schädel spaltet, betäubt oder an einem Haken kopfüber aufgehängt durch ein elektrisches Wasserbad gezogen zu werden.
Das Ungleichgewicht der Rechte springt ins Auge, wird aber außer von einigen Tierethikern wie Peter Singer, Tom Regans, Helmut F. Kaplan, Ursula Wolf und den unermüdlich, teils auch radikal kämpfenden Tierrechtsorganisationen wie Peta kaum infrage gestellt. Es ist die Grundlage dessen, was wir als Normalität bezeichnen. Aber was, wenn wir uns einfach geirrt haben? Ist es möglich, dass, was seit Jahrtausenden als normal gilt, dennoch ein ungeheueres Unrecht ist?

Ja, es ist möglich. Die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, sind allesamt windig. Überdies sind sie widersprüchlicher Natur. Sie stehen sich gegenseitig im Weg, weil sie sich wahlweise auf den tierischen oder auf den göttlichen Ursprung des Menschen berufen. Einerseits, heißt es, tötet der Mensch Tiere, weil er – selbst ein Tier – nicht anders kann.
Das ist die sogenannte Naturthese: Tiere fressen eben Tiere. Andererseits behauptet man, gerade die evolutionäre Überlegenheit des Menschen erlaube ihm, das Tier zu töten und mit seinen Leichenteilen Handel zu treiben. Das wäre die Kulturthese: Der Mensch isst Tiere, weil er besser ist als sie. Beide Begründungen hinken und sollten uns nicht ruhig schlafen beziehungsweise essen lassen. Einzig wer meint, dass man Tiere schon allein deswegen töten darf, weil ihre sterblichen Überreste, gut gebraten und gewürzt, gut schmecken, kann sich unbesorgt zu Tisch setzen (und wird betrüblicherweise spätestens an dieser Stelle die Lektüre des Artikels abbrechen).

 Welche Entschuldigung haben wir den vier Rindern, 46 Schweinen, vier Schafen, 46 Truthähnen, zwölf Gänsen, 37 Enten und 945 Hühnern, die jeder Fleischesser durchschnittlich in seinem Leben verspeist, für ihren Tod also zu bieten? Betrachten wir zunächst die Naturthese. Fleisch essen gehöre angeblich zur menschlichen Natur. Doch was ist die Natur des Menschen? Vor allem ist sie ein Wort, das, wenn es im Sinn von Ursprünglichkeit oder Gottgegebenheit verwendet wird, jede Diskussion beendet (siehe Natur der Frau, Natur der Schwarzen und so weiter).

Die akademische Debatte darüber, ob der Steinzeitmensch eher ein Pflanzen- oder ein Fleischfresser war, verliert sich schnell im Nachmessen der Darmzotten und des Zungendurchmessers. Die eine Fraktion beruft sich auf die Reißzähne und die Magensäure des Menschen, um ihn den Karnivoren zuzuschlagen. Der anderen gilt als Beweis für sein natürliches Pflanzenfressertum, dass er anders als jedes karnivore Tier Fleisch im rohen Zustand nicht herunterbekommt.

Für die Frage, ob wir dürfen, was wir tun, nämlich morden, um zu essen, spielt dieser Streit um die Ernährungsgewohnheiten des Menschen in der Frühzeit keine Rolle. Denn selbst wenn der Urmensch die Tiere den Blättern vorgezogen hat oder vorziehen musste, ist dies kein Grund, ihm nachzueifern. Seit Jahrtausenden ist der Mensch damit beschäftigt, die rohen Sitten seiner Urahnen zu zähmen und zu kultivieren. Ein Vorgang, den man Zivilisation nennt und der uns immerhin schon so weit gebracht hat, Zeitung zu lesen, zum Mond zu fliegen und von der Unsitte des angeblich besonders schmackhaften Menschenfleischverzehrs abzulassen (es gibt Berichte von bekehrten Wilden, die auf dem Totenbett in Erinnerung an die Menschenfleischgenüsse ihrer Kindheit vor Sehnsucht geweint haben sollen). Warum sollten wir ausgerechnet an der Fleischtheke in der Steinzeit stehen bleiben?

Auch die Mär, dass der Mensch von Natur so eingerichtet sei, dass er sich nur mit Fleisch gesund erhalten kann – noch vor wenigen Jahren häufig in seriösen Publikationen nachzulesen –, ist, abgesehen von kleinen Problemen bei einer dauerhaft veganen Ernährung, reiner Unsinn. Die Ernährungswissenschaft hat inzwischen nichts mehr gegen eine völlig fleischfreie Kost einzuwenden.
Womit das Naturargument an sein verdientes Ende kommt: Tiere essen ist purer Luxus. Nichts als ein paar Sekunden Gaumenkitzel, der einen blutigen Preis hat. Doch selbst die Fleischeslust kann völlig verschwinden. Wer noch nie Fleisch gegessen hat, kennt sie nicht einmal. Sie ist offensichtlich kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern nur eine Gewohnheit unter anderen Gewohnheiten. Eine, die man in der modernen Welt mühelos in wenigen Generationen verlernen könnte.
Bleibt das Kulturargument. Es läuft, vereinfacht gesagt, darauf hinaus, dass der Mensch das Tier essen darf, weil er Verstand und das Tier keinen hat. Der Mensch kann Klavier spielen und Porsche fahren, das Schwein kann sich nur im Sand suhlen. Was also liegt da näher, als es zu essen?

Was für ein Hochmut! Ein paar minimale Unterschiede im genetischen Code sollen uns dazu berechtigen, unsere nahen Verwandten, die Kühe, Schweine, Pferde und Schafe, essen zu dürfen? Das Tier, sagt die im Christentum gepflegte Legende, könne nicht denken und habe keine Seele. Sein »Mangel an Vernunft«, so Kirchenvater Augustinus, bestimme es zum Schlachtvieh, die »gerechte Anordnung des Schöpfers« habe sein »Leben und Sterben unserem Nutzen angepasst«. Im Inneren der Tiere befinde sich, glaubte Descartes, nur eine »Maschine«, im Inneren der Menschen hingegen »eine vernünftige Seele«. Mit solchen und ähnlichen Phrasen geben wir uns bis heute zufrieden, wenn wir festlegen, welches Leben wertvoll und zur Erhaltung und welches wertlos und zur Vernichtung bestimmt ist.
Was die Herren offenbar nicht bedachten: Setzte man sie einsam auf einer Palme im Dschungel aus oder hieße sie, im Winter nach Afrika zu fliegen, wären sie samt ihrer vernünftigen Seele ziemlich ratlos. Denn Tiere, zumindest unsere Verwandten, die Säuge- und Wirbeltiere, sind nur anders schlau als wir. Es wäre »pervers«, so der Harvard-Forscher Steven Pinker, »den Säugetieren das Bewusstsein abzusprechen«. Auch Vögel und andere Wirbeltiere hält er für »beinahe bei Bewusstsein«, nur bei niederen Tieren wie Austern und Spinnen verlieren sich die Gewissheiten in den unerfindlichen Abgründen der Schöpfung.

Das Rätsel des tierischen Innenlebens werden wir, eingesperrt in die menschliche Sicht der Dinge, nie ganz lösen, auch wenn wir uns mit dressierten Affen ganz passabel in Zeichensprache unterhalten, mit Pferden flüstern und unserem Hund ohnehin jeden Wunsch von den Augen ablesen können. Tiere leben in einem anderen Universum, die Botschaften, die wir von dort erhalten, können wir nicht alle verstehen. Doch der Respekt vor der fremden Intelligenz muss heute die alte Überheblichkeit ablösen.
Was, wenn die Tiere uns für ebenso seelenlos halten wie wir sie, nur weil wir so anders sind? Und was, wenn die Evolution noch eine Ehrenrunde dreht und eine Spezies hervorbringt, die uns für zu dumm hält und deswegen einsperrt und auffrisst? »Eines Tages«, frohlockte der erste Tierrechtler und Philosoph Jeremy Bentham im Jahr 1789, »wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe sind, ein lebendiges Wesen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern.« Der Tag ist gekommen.

Heute weiß man, dass sich der Mensch entgegen den frommen Wünschen der christlichen Philosophen hinsichtlich der Erbinformation nur geringfügig von den anderen Säugetieren unterscheidet. Das Nervensystem, die Verarbeitung von Reizen, Emotionen wie Angst und Panik sowie das Empfinden von Schmerzen sind bei Mensch und Tier identisch. Das komplizierte Paarungsverhalten, das Zusammenleben in Gruppen und Familien, die Fähigkeit, vorzusorgen und zu planen, die vielfältigen wortlosen Verständigungssysteme der Tiere untereinander weisen sie als unsere nächsten Verwandten aus. Die Unterschiede, die zwischen uns und ihnen bestehen bleiben, sind nur gradueller, aber keineswegs prinzipieller Natur.

In vielem sind Tiere dem Menschen sogar weit überlegen. Der Seh-, Hör- und Tastsinn ist bei den meisten Säugetieren höher entwickelt als bei uns. Vom genialen tierischen Navigationssystem, von den Feinheiten der Brutpflege, der beneidenswerten animalischen Work-Life-Balance, der Schönheit und Eleganz der Bewegung, dem bewundernswert genügsamen Lebensstil der Tiere gar nicht erst zu reden. Kurzum: Es gibt überhaupt keinen Grund, den Menschen Leidensfähigkeit und Lebensrecht zuzusprechen und es den Tieren abzuerkennen.

 Auch die sogenannte Kulturthese, nach der wir töten dürfen, weil wir so besonders klug sind, gehört also auf den Friedhof für ausgediente Ideologien. Rechtfertigen sollten sich nicht mehr diejenigen, die keine Tiere essen, sondern diejenigen, die es dennoch tun. Denn abgesehen von den kognitiven Fähigkeiten sind Tiere genauso Menschen wie Menschen umgekehrt Tiere sind. Doch während das Menschliche im Tier in seinen Angstschreien und seiner Todespanik in den Schlachthäusern nur allzu deutlich wird, hat der Mensch das Tier in sich auf seinem zivilisatorischen Siegeszug gezähmt oder ausgerottet. Furchtbares – so eine der zentralen Thesen der Frankfurter Schule – habe die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen, geschaffen war. Etwas von dieser Selbstverstümmelung, behauptete Max Horkheimer, werde in jeder Kindheit wiederholt. Und, genau besehen, auch bei jedem Mittagessen.

Die Verstümmelung und Herabwürdigung der Tiere zur toten Ware, und zwar ausgerechnet solcher Tiere, die uns am ähnlichsten sind (aus welchem anderen Grund sollten wir lieber Schafe und Schweine als Würmer und Käfer essen?), setzt die Gewalt gegen das Tier in uns selbst fort. »Es herrscht nicht nur Krieg zwischen uns und ihnen«, schreibt Jonathan Safran Foer in seinem neuen Buch, »sondern zwischen uns und uns.«
Wir haben das Tier in uns vergessen und vergessen das Tier, sobald es auf unserem Teller liegt. Das gehört zur Verhaltensweise der Kälte, der vielleicht zentralsten psychosozialen Technik fortgeschrittener Kulturen. Dennoch dürfte es wenige Fleischesser geben, die unbeeindruckt blieben, wenn sie sich der Unbequemlichkeit aussetzten, beispielsweise einen Film anzusehen, der ihnen zeigt, wie das Fleisch auf ihre Teller kommt (sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt). Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee erinnert in seiner bewegenden Erzählung Das Leben der Tiere an die »gewaltige gemeinschaftliche Anstrengung«, derer es bedarf, um »unsere Herzen vor den Schlachtstätten zu verschließen«.

Gleichwohl kultivieren wir inmitten dieser offensichtlichen Mitleidslosigkeit sonderbare Mitleidsnischen. Niemand möchte seinen eigenen Hund oder sein eigenes Pferd essen, obgleich Hunde und Pferde durchaus gegessen werden. Für unsere Katzen kaufen wir altersgerechtes Katzenfutter und lassen sie beim Tierarzt gegen Diabetes behandeln, während wir Kühe und Hühner, sauber in Cellophan verpackt, in der Tiefkühltruhe aufbewahren. Dabei ist die Artengrenze, die festlegt, welches Tier geliebt und welches gemordet wird, völlig willkürlich und abhängig von den Sitten und Moden.
Wenn wir die Tiere selbst töten müssten, die wir essen, würde der Fleischkonsum, der sich in den letzten 40 Jahren weltweit verdreifacht hat, vermutlich sprunghaft zurückgehen. Doch die Fleischindustrie, die uns das tote Tier, von Blut gesäubert und zur Unkenntlichkeit zerstückelt, ins Haus liefert, betäubt unsere Empathiefähigkeit. Es fällt uns schwer, uns in unsere Opfer hineinzuversetzen, sie uns als lebendige Individuen überhaupt noch vorzustellen. In diese Vorstellungslücke stoßen die Tiere als Haustiere, Filmhelden, Comic- oder Plüschfiguren.
Sie sind die einzigen Tiere, die viele Kinder neben den gebratenen Tierresten auf ihrem Teller noch kennenlernen. Doch sie sind nur Dekor, Erinnerungsstücke an die wirkliche Tierwelt, die selbst nicht mehr zu sehen ist. »Der Blick zwischen Tier und Mensch«, schreibt der Schriftsteller John Berger, »mit dem alle Menschen noch bis vor weniger als einem Jahrhundert gelebt haben, wurde ausgelöscht.«
Was folgt nun aus alldem? Für Jonathan Safran Foer folgt daraus, dass wir zumindest die industrielle Massenhaltung der Tiere unbedingt boykottieren sollten. Tiere müssen wieder artgerecht gehalten und sorgfältig, nicht am Fließband, geschlachtet werden. Und weil aber nahezu alle Tiere, die wir essen, aus Massentierhaltung stammen und in Todesfabriken geschlachtet werden, empfiehlt selbst der Wohlfühlvegetarier Foer, auf Fleisch ganz zu verzichten. Und nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Eier und Fisch, wenn uns das Leben der Legehennen und der sinnlose Tod unzähliger Meerestiere dauert, die für jedes Sushi-Essen als Beifang gestorben sind und wieder ins Meer geworfen werden.
Dem Mitleidsgebot – du darfst die dir verwandten Tiere überhaupt nicht töten, nur weil sie dir schmecken – weicht Foer aus. Er sei, schreibt er, »nicht allgemein dagegen, Tiere zu essen«. Das Glück der Tiere und die Qualität ihres Fleisches liegen ihm mehr am Herzen als ihr Recht auf Leben. Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: »ethisch unbedenkliches Fleisch«.

 So viel Versöhnlichkeit mag die Argumentation dieses eindrücklichen Buches schwächen, aber sie ist nicht unvernünftiger als die Wirklichkeit: 94 Prozent der Deutschen essen gern tote Tiere. Foer agiert wie ein Emissär mit weißer Fahne, der im unversöhnlichen Krieg zwischen der winzigen Minderheit der Tierrechtler und der überwältigenden Mehrheit der Tieresser Frieden stiften will, um das schwerfällige Rad der Geschichte gemeinsam ein wenig zugunsten der Tiere voranzudrehen. Das ist schon viel.
Am Ende wird der Verzicht auf Fleisch allen helfen, den Tieren und den Menschen. Er wird nicht alle Menschheitsprobleme lösen. Er löst noch nicht einmal alle moralischen Probleme, vor die uns unser Hunger stellt. Die Grenzen des Tötungsverbots sind niemals eindeutig zu bestimmen in der unendlichen Kette der Lebewesen. Warum verschone ich die Kuh und töte die Fliege? Ist das Seepferdchen weniger wert als das Pony? Und was ist mit dem Seelenleben der Pflanzen? Der grelle Scheinwerfer der Erkenntnis durchdringt die Materie, doch die meisten Geheimnisse des Lebens bleiben im Dunkeln. Es ist unmöglich, in unserem Zusammenleben mit den Tieren alles richtig zu machen. Doch gibt uns das noch lange nicht das Recht, alles falsch zu machen.

Quelle: www.zeit.de/2010/33/Vegetarismus-Essay